Gewesen: Ensemble intercontemporain und musikFabrik in Köln
Angekündigt: Frau Musica (nova) – Arditti Quartett – KlangZeit in Münster
[Ensemble Intercontemporain in Köln]
Als ich vor ca. 25 Jahren begann, regelmäßig Konzerte mit Neuer Musik zu besuchen, interessierten mich vor allem die Uraufführungen und neuen Namen. Es konnte gar nicht frisch und aktuell genug sein. Das hat sich geändert, denn schon mehrfach habe ich in letzter Zeit die Erfahrung gemacht: Je jünger die Komponisten, desto langweiliger die Musik. Vor allem gilt dies für die 'etablierten' Neue Musik-Konzerte wie zuletzt beim Gastspiel des renommierten
Ensemble intercontemporain am 12.1.12 in der
Kölner Philharmonie . Neben Michael Jarrells La Chambre aux échos, das ich vor kurzem bereits im Rahmen des Frankfurter Xenakis-Festivals gehört habe, standen drei Werke auf dem Programm, die erst zwei Tage vorher in Paris aus der Taufe gehoben worden waren. Die beiden Komponisten der Auftaktstücke, der Amerikaner
Sean Shepherd (Jahrgang 1979) und der Koreaner Texu Kim (Jahrgang 1980), waren anwesend.
Um von Anfang an keine allzu großen Erwartungen aufkommen zu lassen, erklärt das Programmheft das Assoziative und Beiläufige zum verbindenden Element. Shepherd lässt sich in Blur von den vorbeigleitenden Eindrücken einer Reise mit dem Zug oder mit dem Flugzeug inspirieren. Kim verarbeitet in seiner Toccata Inquieta die an der Grenze zwischen Wachen und Schlafen aufblitzenden Assoziationen, „nahezu unvermittelt nebeneinander, eine alogische Kette von Ereignissen“. Doch die sogenannten Ereignisse, die hier miteinander verbunden werden, sind bieder, brav und harmlos, auch dann noch wenn sie sich zu einer kleinen Aufwallung oder einem abrupten Ausbruch hinreißen lassen. Das Leben ist so, heißt es im Programmheft – Trost oder Drohung? Als altertümelnde Stimulanz erwählt Kim das Cembalo zum Soloinstrument. Das erinnert an Tendenzen der bildenden Kunst, wo im Gefolge der sog. Neuen Leipziger Schule Narration und Figuration Hochkonjunktur haben und antiquierte und verrätselte Versatzstücke über fehlende Inhalte hinwegtäuschen sollen. Da wird viel erzählt, aber nichts gesagt, ein bisschen probiert, aber nichts riskiert.
Deutlich spritziger fiel Unsuk Chins Gougalon aus, das in seiner erweiterten, aus sechs 'Szenen' bestehenden Fassung zur Aufführung kam. Auch hier wird erzählt, eine Reise ins heutige China ließ Kindheitserinnerungen an koreanische Straßenkünstler wach werden. Doch das lustvolle Jonglieren mit skurrilen Klangfetzen inklusive durchgepeitschtem Donnerblech und parodistische Überzeichnungen lassen den grinsenden Wahrsager mit dem falschen Gebiss, das Lamento der kahlen Sängerin und die Jagd nach dem Zopf des Quacksalbers – so einige Szenentitel – lebendig werden.
[musikFabrik beim WDR]
Auch die
musikFabrik hatte in ihrem 41. WDR-Konzert mit
Michael Beils BLACKJACK eine Uraufführung zu bieten. In der Einführung gab man sich betont zurückhaltend, denn das „genau kalkulierte Verwirrspiel“ lebt von der Überraschung und Überrumpelung des Zuhörers und Zuschauers. Wie schon in früheren Werken kombiniert Beil die Musik mit Live-Video und Live-Elektronik, wobei er ein besonderes Verfahren verwendet: Videoaufnahmen der Musiker werden zeitversetzt und perspektivisch gestaffelt auf eine Leinwand projiziert. Zudem werden Geste und Klang entkoppelt: Während die frontal auf der Bühne agierenden Instrumentalisten ins Leere greifen oder blasen, erklingt der dazugehörige Ton aus dem seitlich angeordneten übrigen Ensemble – was man hört, ist nicht was man sieht. Hinzukommen live-elektronische Zuspielungen und eine präzise, jedoch aufgrund ihrer zunehmenden Komplexität immer weniger nachvollziehbare Choreographie – ein ständiges Kommen und Gehen der Musiker. Gegenwart (Bühne), Vergangenheit (Video/Zuspielung) und Zukunft (Erwartungen des Zuschauers) verschränken sich auf vielfältige Weise, wodurch die alten Fragen nach Sein und Schein, nach 'Realem und nur Vorgetäuschtem' aufgeworfen werden – Fragen, mit deren Unbeantwortbarkeit wir uns in Zeiten der Informationsüberflutung und der elektronischen Medien fast schon abgefunden haben. Eine ähnliche Versuchsanordnung lag bereits dem Stück
Doppel für zwei Klaviere zugrunde, konnte mich damals jedoch nicht überzeugen. Zu konstruiert wirkte das Ganze, die zugrunde liegende Idee ward schnell erkannt und fast ebenso schnell erschöpft. Anders bei BLACKJACK: Aufgrund der Vielzahl der Beteiligten und der Komplexität des Geschehens schlägt das ausgeklügelte Konzept um in lustvolles Chaos. Die Instrumentalisten der musikFabrik sind mit soviel Humor und Spielfreude bei der Sache, dass ein Abgleiten in bebilderte und vertonte Konzeptkunst zuverlässig verhindert wird.
Das Werk war eingebettet in ein abwechslungsreiches Programm. Neben Boulez' Dérive 1 und dem Hamburgischen Konzert für Horn solo und Kammerorchester von György Ligeti erklang traditionelle amadinda- und akadinda-Musik des bugandischen Königshofes. Von deren inhärenten Mustern ließ sich Ligeti zu seinen hoch virtuosen, polyrhythmischen Études pour Piano inspirieren, von denen Benjamin Kobler drei zu Gehör brachte.
[Termine im Februar]
Köln
Am 7.2. gastiert das
Arditti Quartet