Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit e.V.
Projektgruppe Bina Mira
Geschichte

Um die Geschichte des Aachener Netzwerks verstehen zu können, muss man sich zunächst an den Krieg erinnern, der sich von 1991 bis 1995 auf dem Balkan abspielte.
Der Bosnienkrieg Ab Mitte 1991 gab es nationale Bewegungen in Slowenien und Kroatien, die ein Herauslösen aus dem Staatsverband der Sozialistischen Republik Jugoslawien anstrebten. Während Slowenien nach nur 10 Tage andauernden Kämpfen in die Eigenstaatlichkeit entlassen wurde, hielten die Kämpfe zwischen der Kroatischen Armee und der Jugoslawischen Volksarmee bis Januar 1992 an. Der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic stimmte am 15. Januar 1992 dem Vance-Owens-Plan zu, der eine internationale Anerkennung Kroatiens und Sloweniens aussprach. Allerdings fanden BEREITS VOR Ausbruch der Kämpfe Geheimverhandlungen zwischen Milosevic und dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman statt, die sich u. a. mit der territorialen Aufteilung Bosnien und Herzegowina beschäftigten. Das heißt, dass die Interessenssphären Serbiens und Kroatiens schon sehr früh abgesteckt wurden und somit der Krieg in das Land getragen wurde, das sehr stark von serbischen und kroatischen Separatistenverbänden und –parteien beeinflusst wurde. Als am 29. Februar und 1. März 1992 in dem von der internationalen Gemeinschaft verlangten Referendum 99,4 % für einen souveränen Staat Bosnien-Herzegowina votierten, rief das die ersten Freiwilligenverbände auf den Plan. In den Städten Bijeljina, Zvorni, Visegrad, Foca und Prijedor drangen die „Tigertruppen“ des Freischärlers Arkan in Häuser und Moscheen ein. Hunderte Menschen mit muslimischer Religionszugehörigkeit wurden umgebracht, vergewaltigt, vertrieben.

Wir Westeuropäer, die zum Teil dieses Land von unvergesslich schönen Urlaubserlebnissen in Erinnerung hatten, saßen mit ungläubigen Blicken vor den Mattscheiben der Fernseher und rieben uns erstaunt die Augen. Wie war es möglich, dass sozusagen vor unserer Haustüre ein derart mörderischer Krieg entflammen konnte? Schon bald zeigten die ersten Auswirkungen des letzten Balkankrieges ihr hässliches Gesicht. Tausende Kriegsflüchtlinge drängten über die Grenzen des westlichen Europas, wo sie sich Schutz und Sicherheit erhofften. So auch nach Deutschland, so auch nach Aachen.

Entstehung des Aachener Netzwerkes für humanitäre Hilfe in Bosnien-Herzegowina und Kroatien e. V.

Vor allem jugendliche Flüchtlinge suchten die Volkshochschule Aachen und die Abendrealschule Aachen auf, um dort einen deutschen Schulabschluss und vor allem die deutsche Sprache zu lernen.

Heinz Jussen, damals Lehrer an der Abendrealschule Aachen, wurde von dem erschütternden Bericht eines bosnischen Schülers, der soeben erfahren hatte, dass seine nächsten Familienangehörigen bei einem Granatangriff ums Leben kamen, dass er beschloss, Hilfsgüter direkt in die eingekesselte bosnische Stadt Tuzla zu transportieren. Mit dem Vorsitzenden des „Bosnischen Clubs Aachen e. V.“, Ismet Jakupovic, fand er einen mutigen Bosnier, der ihm auf dem 12,5-Tonnen-Lkw begleitete (... mehr zu Ismet Jakopovic). Bereits auf dieser Fahrt, die z. T. zwischen den Fronten der gegeneinander kämpfenden Armeen und paramilitärischen Einheiten führte, wurden die lebensgefährlichen Situationen deutlich, in die Helfer ständig gerieten. Hierzu zählten der Beschuss von nahe gelegenen Frontlinien aus oder Scharfschützen, Überfälle organisierter Banden, um an die für alle überlebenswichtigen Hilfsgüter zu gelangen, Erschießungsandrohungen, Gefangennahmen, körperliche Misshandlungen usw..

Trotz der vielen lebensbedrohlichen Situationen, in die die Lkw-Besatzungen immer wieder gerieten, wurden insgesamt 24 Fahrten von Aachen aus direkt in eingekesselte und umkämpfte Gebiete in Bosnien durchgeführt. Hieran beteiligt waren neben Ismet Jakupovic und Heinz Jussen ebenfalls Jochen Major und Heinz Brosig.

Nach dieser ersten Fahrt, die in den Weihnachtsferien 1992 stattfand, gründeten die Aachener Helfer die „Aktionsgemeinschaft Den Krieg überleben“. In dieser Organisation bemühten sich s. a. Aida Beslagic, Claudia Blau, Friedel Tholen, Heinz Brosig, Heinz Jussen, Jochen Major, Luitgard Köster, Sylvia Reissen, Tom Reissen und Uli Schiffers um die Sammlung von Hilfsgütern und Spenden in und um Aachen.

Im Frühjahr 1993 schlossen sich verschiedene Aachener humanitäre Projektgruppen zum Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe in Bosnien und Kroatien e. V. zusammen. Zu ihnen gehörten neben der oben erwähnten Aktionsgemeinschaft auch die Aachener Bosnienhilfe und die Gruppe Aachener Bewehrungshelfer kontra Sozialabbau, die vom späteren Aachener Friedenspreisträger Josef Steinbusch geleitet wurde. Die Zusammenarbeit funktionierte v. a. auf dem Gebiet der Logistik. Alle Hilfsgüter, die die verschiedenen Gruppen sammelten, wurden von den Lkw-Fahrern der Aktionsgemeinschaft in die bosnischen Kriegsgebiete zwischen Zenica und Tuzla transportiert. Hierzu zählten neben den Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidungsstücken auch medizinische Geräte, Werkzeugmaschinen und Schulmaterial.

Es wurden Schulpartnerschaften sowie eine Partnerschaft zwischen der IHK Aachen und der Handwerkskammer Tuzla angeregt bzw. initiiert. Auch war es der Aktionsgemeinschaft wichtig, die kulturellen Bewegungen in Bosnien zu unterstützen. Unter dem besonderen Engagement der Aachener Künstlerin Inge Agnes Preuschoff-Perrier fanden eine Woche lang Kunst- und Aktionstage im Alten Kurhaus in Aachen statt. Der Erlös der Ausstellung und der Aufführungen kamen dem Projekt zu gute.
Artikel Müllwagen
Ein Jahr nach Kriegsende löste die Aktionsgemeinschaft Den Krieg überleben neben dem  Versprechen „Alle Hilfsgüter werden von uns direkt in die Kriegsgebiete transportiert“, ein zweites Versprechen ein, das sie allen Spendern gegeben hatte: Wir werden nach dem Krieg eine Busfahrt von Aachen nach Tuzla organisieren, an der sich jeder Spender beteiligen kann, um sich von der Hilfe vor Ort direkt überzeugen zu können. Für diese Fahrt, die vom 8. bis 13. Juli 1996 stattfand, stellte die Aachener Firma Taeter einen hierfür eigens umgebauten Bus sehr preisgünstig zur Verfügung. Begleitend fuhren 2 gebrauchte Müllfahrzeuge mit, welche die Stadt Aachen der bosnischen Stadt Tuzla schenkte.

Das Aachener Netzwerk, das sich ab 1996 Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit e. V. nennt, ist bis heute aktiv geblieben.

Josef Steinbusch entwickelte die Idee des Aachener Kinderzirkus Pinocchio. Sein Leitmotiv war und ist, den Kindern in kriegs- und krisengerüttelten Gebieten Europas die Freude und Lebenskraft des Clowns Juppino zu vermitteln („Tränen, die du lachst, brauchst du nicht zu weinen“).

Die Aktionsgemeinschaft Den Krieg überleben transportierte bis 1998 weiterhin Hilfsgüter in die Krisengebiete Bosniens. Danach engagierten sich die Mitglieder bei Aufbauhilfen, Schulpartnerschaften, Unterstützung von Sportvereinen, Elementarschulen und einer Behindertenschule, Versorgung von vornehmlich alten Menschen, die weit unterhalb des Existenzminimums leben, mit Winterkohle und Medikamenten usw

Das Projekt Bina Mira – Bühne des Friedens ist die dritte und jüngste Säule des Aachener Netzwerks. Die Idee entstand 2007 als die Verhandlungen der Entlassung des Kosovos in die Eigenstaatlichkeit in ihre Endphase kamen. Straßenschlachten zwischen nationalistisch orientierten Jugendlichen machten deutlich, wie konkret die geistige Streumunition eines Krieges in den Köpfen der Jugend Bosniens noch immer bzw. schon wieder Wirkung zeigt. In der Schule „Novi Grad“ (Neue Stadt) wurde überlegt, eine Friedensbühne zu bauen, auf der in jedem Jahr um den Weltfriedenstag (21. September) ein Friedenstheaterfestival stattfinden sollte.  Die Bühne konnte zwar noch nicht gebaut werden, aber 2008 fand auf der Bühne des „Teater Cabaret“ das erste Festival statt, an dem u. a. die Theatergruppe der Mies-van-der- Rohe-Schule Aachen „rohestheater“ teilnahm.

Heinz Jussen

Vorstandsmitglied  des "Aachener Netwerkes für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit e.V.


Netzwerkgeschichte
in Bildern


auf der Flucht

Familien auf der Flucht zwischen den Fronten


Ismet Jakopovic 

 Ismet Jakopovic bei einem seiner zahlreichen Hilfgütertransporte mit dem netzwerkeigenen Lkw in Bosnien


Jochen Major

Jochen Major

Ansprechpartner:  Heinz Jussen, Heinz minus Jussen  at  web  Punkt  de  0241 53106620
Spendenkonto: Aachener Netzwerk, Stichwort: Bina Mira   Konto 317 008 Sparkasse Aachen, BLZ: 390 500 00 
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