Essay - Archiv
Peanuts, Zocker, Nebelkerzen oder Wie uns die Finanzspieler und ihre Bauchredner für dumm verkaufen
© Werner Schlegel
Kennen Sie Jérôme Kerviel? Falls Sie zu den - immer weniger werdenden - Menschen gehören, die sich täglich regelmäßig durch verschiedene Medien arbeiten, werden Sie "Ja" sagen. "Der 31-jährige, der die Pariser Großbank Société Générale (SG) um fünf Milliarden Euro geprellt haben soll, ist derzeit Hauptgesprächsthema in der Finanzwelt", schrieb die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (1).
In der Tat - und damit vor allem auch Hauptthema in den Massenmedien. Als mehr oder weniger (un)kritische Medienkonsumenten können wir das verstehen. Schließlich sind diese laut SG exakt 4,9 Milliarden Euro eine für den einzelnen Menschen nicht mehr real vorstellbare Summe. Die "Übersetzung" in 4.900 Millionen macht es auch nicht besser. Immer noch so unfassbar, wie die Zahl der Sterne am Abendhimmel.
Vielleicht hilft ein Vergleich, diesen gigantischen Betrag be-greifbar zu machen: Wenn Sie in Ihrem Job pro Jahr eine Million Euro netto verdienen würden, müssten Sie für diesen Betrag 4.900 Jahre lang leben und arbeiten. Sie hätten sozusagen 2.893 Jahre vor unserer Zeitrechnung mit dem Verdienen Ihrer jährlichen Einkommensmillion beginnen müssen, um heute erleben zu können, wie ein einzelner Mensch das gesamte Einkommen Ihres geradezu unsterblich langen Lebens einfach "verzockt". (Übrigens: Um 2.900 v.u.Z. tauchten die ersten ägyptischen Hieroglyphentexte auf!).
Rund 4,9 Milliarden Euro einfach verzockt, sprich: verspielt? Das ist genau der richtige Ausdruck dafür. Jérôme Kerviel hat die zweitgrößte französische Bank, deren Geldautomaten sich noch im kleinsten Dorf finden, nicht etwa um diesen Betrag "geprellt" oder "betrogen", wie die Süddeutsche und viele andere Medien fälschlich - und wohl sehr bewusst! - berichteten. "Ein einzelner Händler verzockt 4,9 Milliarden Euro - das gab es noch nie" überschrieb Spiegel-Online ausnahmsweise einmal völlig korrekt einen Bericht von Michael Kröger über das Desaster (2). Der Autor bringt die Sache auf den Punkt: "Was Kerviel getan hat, ist im Grundsatz schnell erzählt: Der Mitarbeiter war auf den Handel mit sogenannten Futures spezialisiert. Futures (Zukunftskontrakte) sind sozusagen eine Wette auf die Zukunft. Man kauft zum Beispiel ein Aktienpaket, eine Währung oder eine Schiffsladung Mais zu einem Zeitpunkt X, legt aber den Preis dafür schon heute fest. Wenn der Wert bis zum Zeitpunkt X über den vereinbarten Preis steigt, macht man Gewinn. Fällt er, macht man Verluste"(3). Exakt. Und genau diese Verluste hat Kerviel produziert.
Mit anderen Worten - er tat nichts als seine Arbeit. Ziemlich miserabel allerdings, denn eigentlich sollte er mit solchen und ähnlichen Finanzwetten Gewinne für die Bank einstreichen. Wie eben all seine ungezählten Kollegen und - seltener - Kolleginnen auch, in all den ebenfalls ungezählten anderen Zockerstuben weltweit, in die sich die Devisen- und Derivathandelsbüros der Banken heutzutage verwandelt haben. Und genau an diesem Punkt wird die Geschichte vom angeblichen "Milliardenbetrug" (4) des Herrn Kerviel richtig interessant.
"Wir reden hier eigentlich von Peanuts!" (also von "Kleingeld") sagte Hilmar Kopper, damals Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank (DB), am 21. April 1994 auf einer Pressekonferenz. Über einen Betrag von (heute) rund 25 Millionen Euro. Es handelte sich um die Summe, auf der kleine Handwerksbetriebe nach der Immobilenpleite eines gewissen Herrn Schneider zunächst sitzen geblieben waren. Letzterem hatten die Banken Kredite regelrecht hinterhergeworfen. Auf 5,3 Milliarden Mark sollen sich Schneiders Schulden zuletzt belaufen haben, rund 1,3 Milliarden davon blieben am führenden Kreditinstitut der damals noch intakten sogenannten "Deutschland AG" hängen.
Im Vergleich zur damaligen Bilanzsumme der DB in Höhe von etwa 450 Milliarden Euro handelte es sich bei den 25 Millionen aus Koppers Sicht wirklich um "Kleingeld." Dennoch wurde das Peanutszitat zur in Stein gemeißelten Metapher. Für die Arroganz einer Finanzwirtschaft, die längst jede Bodenhaftung und den Bezug zur Arbeits- und Lebensrealität des Normalsterblichen verloren hatte. Immerhin hätten Sie als Leser/in mit Ihrem angenommenen Jahreseinkommen von einer Million Euro damals schon 25 Jahre lang arbeiten müssen, um diese "Peanuts" zu verdienen.
Bei Jérôme Kerviel reden wir aber über 4,9 Milliarden Euro. Also fast 10 Milliarden deutscher Mark, wenn es diese denn noch gäbe. Für die Medien eine Sensationssumme, die ein Einzelner da in den Sand gesetzt haben soll. Und trotzdem handelt es sich dabei noch immer um "Peanuts", im Vergleich zu einer anderen Zahl: "Seit Anfang Januar sind gut >b> 800 Milliarden an Börsenwerten in Rauch aufgegangen. Fast jede Großbank musste in ihren Jahresberichten Milliardenverluste aus fehlgeschlagenen Spekulationsgeschäften einräumen" schrieb Michael Krätke im Freitag (5).
Selbst wenn wir Ihr angenommenes Jahreseinkommen ab sofort auf 10 Millionen Euro erhöhen, wären Sie während der gesamten bekannteren Menschheitsgeschichte nicht in der Lage gewesen, diese gigantische Summe zu verdienen. Es handelt sich immerhin um 800.000 Millionen. Sie müssten selbst bei Ihrem nunmehr um 1.000 Prozent erhöhtem Einkommen noch sage und schreibe 80.000 Jahre gelebt und gearbeitet haben, um diesen Einkommensbetrag zu erreichen.
Natürlich ist das nur ein Zahlenspiel, denn zu Beginn ihres Arbeitslebens wäre gar niemand in der Lage gewesen, sie auch nur mit einem Goldstück zu bezahlen. Vor 80.000 Jahren, in der mittleren Altsteinzeit, gab es kein Geld und keinen Handel. Schon gar keinen mit den in verharmlosender Umschreibung als "Derivat" (lat. von "ableiten") bezeichneten Zockerpapieren. Vielmehr hätten Sie als Neandertaler inmitten der Würmeiszeit alle Hände voll mit dem nackten Überleben zu tun gehabt.
Zahlenspielereien beiseite. Ich wollte Ihnen damit nur noch einmal deutlich vor Augen führen: Kein Normalsterblicher hat zu diesen Summen ein auch nur annähernd reales Verhältnis. Vermutlich längst auch kein Mitglied der Spielmafia mehr, in diesen internationalen Wettcasinos namens Börse. Für diese Zocker handelt es sich um bloße Buchwerte. Irgendwelche Zahlen, die auf dem Papier stehen und völlig losgelöst sind, von den sicheren (sprich: realen) Werten, die sie schon lange nicht mehr abbilden.
Ursprünglich geschaffen, um sich vor möglichen Kursverlusten bei Devisenschwankungen abzusichern, ist der Derivathandel völlig außer Kontrolle geraten. Dank einer europäischen Möchtegern-Zentralregierung und nationalen Politikern, die den Brüsseler Vorgaben nur allzu willig folgten, wurde jede staatliche Finanz-Kontrollbarriere nieder gerissen. Jetzt wird man - selbst wenn es gewollt wäre - die gerufenen Geister nicht mehr los. Im Gegenteil. Das Krebsgeschwür Derivathandel beginnt nicht nur (was noch keinen Menschheitsverlust beinhaltet) das kapitalistische Wirtschaftssystem selbst aufzufressen. Es untergräbt auf längere Sicht betrachtet die Fundamente jener immer noch schwach ausgeprägten bürgerliche Demokratie, die für viele "die beste aller schlechten Staatsformen" (W. Churchill) darstellt. Diese werden zerstört, da kein Politiker der Welt einem Arbeitnehmer die vermeintliche Notwendigkeit fortgesetzten Lohndumpings vermitteln kann, wenn gleichzeitig unvorstellbare Beträge in den Börsenspielsälen verzockt werden.
"Es ist kein Geld da"? "Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten"? (Peer Steinbrück und Wolfgang Clement, um nur zwei der vielen neoliberalen Helfershelfer zu zitieren). Welchem Hartz-IV-Empfänger will man die Anrechnung der Verpflegungskosten bei einem Krankenhausaufenthalt auf seine 345 Euro Monatseinkommen eigentlich vermitteln? Welchem, wenn gleichzeitig Landesbanken (Sachsen, NRW) auf Steuerzahlerkosten (Un)Summen verspielen, die sich kein Mensch mehr vorstellen kann?
Am allerwenigsten die Spieler selbst. Jérôme Kerviel sei offenbar "durchgedreht", vermelden einige Medien. Nicht mehr und nicht weniger durchgedreht als jene seiner Kolleg(inn)en, die im Auftrag ihrer von nackter Gewinngier getriebenen Arbeitgeber Milliardensummen verzockt haben. Hier eine kleine und absolut unvollständige Liste in US-Dollar:
- Commerzbank ("bescheidene") 425 Millionen;
- Dresdner Bank 840 Millionen;
- Deutsche Bank 3,2 Milliarden (allein im 3. Quartal 2007);
- Credite Suisse 4,7 Milliarden;
- UBS (ebenfalls Schweiz), 14,4 Milliarden;
- Citygroup 24,6 Milliarden (6)
Alles Peanuts? Für die Zocker vielleicht, denn keine einzige der betroffenen Banken ging bisher in Konkurs. Dafür sorgen schon die Hüter und Handlanger dieses Systems. Jene Herrschaften übrigens, die ansonsten nicht müde werden, von der "Selbstregulierungskraft der Märkte" (Wirtschaftsminister Glos) zu schwadronieren. Und die stets den "schlanken Staat" fordern, der sich aus der Wirtschaft bitte "heraushalten" solle. Jetzt schreien die gleichen neoliberalen (Un)Heilsbringer plötzlich nach staatlichen Aktionen, die helfen, ihre Pfründe zu sichern.
Die Notzinssenkung der amerikanischen Notenbank (Fed) am 22. Januar war solch ein staatlicher Eingriff. Einer, der dazu dienen sollte, das weitere Einbrechen der Aktienmärkte zu verhindern. Im Klartext: Der Staat schützt Zocker vor weiteren Verlusten. Übertrieben?
George Soros, einer der es wissen muss, weil er sein Milliardenvermögen unter anderem damit erwarb, ganze Volkswirtschaften in Grund und Boden zu spekulieren, schrieb in der Welt : "Marktfundamentalisten glauben, dass Märkte ein Gleichgewicht anstreben und dass dem Allgemeinwohl am besten gedient ist, wenn man den Teilnehmern erlaubt, ihre Eigeninteressen zu verfolgen. Dabei handelt es sich ganz offenkundig um eine falsche Vorstellung, weil es ja die Interventionen der Behörden waren, die den Zusammenbruch der Finanzmärkte verhinderten und nicht die Märkte selbst" (7).
Man stelle sich vor, ein Glücksritter auf der Baden-Badener Rennbahn verlangte und erhielte vom Staat eine Begrenzung - oder gar den Ausgleich - seiner Wettverluste. Wie würden sie da wohl alle loskreischen, die Lohnschreibersklaven in den Propagandaredaktionen des neoliberalen Kapitalismus?
Der Vergleich hinkt? Von wegen! Bei fast 98 Prozent aller an den Weltbörsen gehandelten Derivate handelt es sich um "reine Wetten"(8). Und die überschaut kaum noch jemand. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) betrug der Nominalwert aller weltweit ausstehenden Derivatekontrakte im Jahr 2000 rund 95 Billionen Dollar. Im ersten Halbjahr 2007 waren es bereits 516,4 Billionen. Zur Erinnerung: Eine Billion enthält 1.000 Milliarden.
Die Paktbündelung jeder Menge letztlich real ungesicherter Kredite und deren Weiterverkauf von Bank zu Bank zu Großinvestor, mit stets höherem (Gewinn)Aufschlag, war in Wahrheit nichts anderes als Roulette. Und zwar russisches, denn irgendwann musste der Schlagbolzen das Zündplättchen treffen, sprich: "Der Markt" war nicht mehr bereit, noch höhere Preise zu akzeptieren. Den Rest kennt man vom "Pilotenspiel" und ähnlichen Schneeballsystemen: Wenn keiner mehr bereit ist, frisches - und zwar ganz reales! - Geld zuzuschießen, beißen den Letzten die Hunde.
Im konkreten Fall unter anderem wieder einmal Tausende von Kleinanlegern, denen drei Tage lang von sämtlichen "Finanzexperten" gebetsmühlenartig versichert wurde, es bestehe "kein Grund zur Panik". Unter anderem in (Börsen)Sendungen von n-tv, n24, ARD und ZDF. Wer von den Kleinanlegern daran glaubte, sah sich in den nächsten Tagen mit noch höheren Verlusten konfrontiert. Die Großspekulanten hingegen nutzen inzwischen die Zeit, um wenigstens noch einen Teil ihrer im Jahr 2007 erzockten Gewinne in Sicherheit zu bringen.
Kein Grund zur Panik? "Diese gegenwärtige Krise ist weit gravierender als alle, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auftraten", schreibt Soros und fürchtet: "Die Gefahr besteht darin, dass dadurch entstehende politische Spannungen, einschließlich des Protektionismus der USA, die Weltwirtschaft zerschlagen und die Welt in eine Rezession - oder etwas noch Schlimmeres - stürzen könnten" (9).
Und hier kommt wieder der "kleine Angestellte" (Handelsblatt) Jérôme Kerviel ins Spiel: Kein Mensch spricht mehr von der fundamentalen Krise der Finanzmärkte, seit er auf der Bildfläche erschien. Seit der Vorstand der französischen Großbank Kerviel als Sündenbock präsentierte, starrt alles wie gebannt auf den "Großbetrüger" und angeblich "größten Bankräuber aller Zeiten" (10). Kein Wort mehr von 800 verbrannten Milliarden und den eigentlichen Zockern.
Offenbar kommt der SG-Angestellte einigen als Ablenkungsmanöver derart gelegen, dass sie nicht einmal mehr wissen, was - in praktisch allen Ländern Europas! - den Straftatbestand des Betruges auszeichnet. "Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, daß er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt…" lautet die Definition im deutschen Strafgesetzbuch. Betrug - wo er weder sich noch andere um einen Cent bereichert hat? Kein Wunder, das zumindest einige wenige Experten inzwischen (Stand vom 24.1.08) die Geschichte vom kleinen Angestellten, der alle Sicherheitsmaßnahmen austrickst, für unglaubwürdig halten.
Ich selbst bezweifelte diese Story von Anfang an.Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei dem "Großbetrug" um eine Erfindung der Krisen-PR-Berater der SG handelt. Möglicherweise wird Jérôme Krievel für seine Rolle als öffentlicher Sündenbock gut bezahlt. Ich wage sogar zu behaupten (und die Zeit wird mir Recht geben): Die Bank wusste seit Wochen von den Spekulationsverlusten. Ganz nebenbei - und von den meisten Medien unbemerkt - räumte SG-Vorstandsvorsitzender Daniel Bouton auf der entsprechenden Pressekonferenz nämlich noch einen weiteren Verlust von 2,1 Milliarden Euro ein. Entstanden im Rahmen der weltweiten Suprime-Kreditzocke. Das macht insgesamt 7 Milliarden Euro Verlust.
Man stelle sich vor, die zweitgrößte Bank Frankreichs hätte diese Summe vor einer Woche bekannt gegeben. An einem ganz normalen Börsentag. Zumindest der französische Finanzmarkt wäre vorübergehend zusammengebrochen, wenn nicht gar der europäische. Statt dessen platzierte man die Meldung geschickt im Umfeld der noch größeren Katastrophe crashender Börsen - und lieferte den personalisierten Sündenbock gleich mit. Ein besseres PR-Krisenmanagement ist kaum noch denkbar.
Höre ich da "Verschwörungstheorie"? Schon behaupten amerikanische Journalisten, einschließlich eines Kommentators des Wall Street Journal, Krievels angebliche Fehlspekulation sei "mit eine Ursache für die Finanzturbulenzen und die überraschende Zinssenkung der Notenbank Fed"(11). Und Frankreichs Staatspräsident Sarkozy beeilt sich, die verunsicherten Franzosen zu beruhigen, durch "die Affäre (sei) das französische Bankensystem nicht erschüttert" (12). Es handele sich viel mehr um einen "internen Betrug", der "Glaubwürdigkeit und Festigkeit des französischen Finanzsystems" nicht gefährden könne (13). Und das, obwohl französische Ermittler erklären "zur Zeit kann man nicht sagen, was hinter dieser Affäre steckt"(14).
Irgendwie erinnert diese Betrugs-Ablenkungsbombe an die sogenannten Al-Kaida-Bomben. Sie explodieren immer genau dann irgendwo, wenn der staatliche Terror der US-"Terrorbekämpfer" gerade mal wieder weltweit ins Gerede gekommen ist. Die PR-Abteilungen der Zock-Cosa-Nostra scheinen schnell von den Geheimdiensten zu lernen.
Dabei sind Kerviels Milliarden wirklich "Peanuts" - im Vergleich zu den seit Anfang Januar verzockten 800 Milliarden. Und diese werden nicht die letzten sein, denn wie schreibt der vom Spekulantensaulus zum Paulus der Finanzsystemwarner gewandelte Soros? "Eine Rezession in den Industrienationen ist mittlerweile ziemlich unvermeidbar, aber China, Indien und einige Öl produzierende Länder befinden sich in einem sehr starken Gegentrend. Die Finanzkrise dürfte deshalb weniger eine globale Rezession auslösen als zu einer radikalen Neuordnung der Weltwirtschaft führen (Hervorhebung d.A.)."
Und genau das würde die Zock-Mafia gerne verhindern. Um jeden Preis. Da werden ein paar "Peanuts" - vielleicht zwei, drei Millionen? - für einen mehr oder weniger freiwilligen Ablenkungs-Sündenbock, der als Nebelkerze ins Spiel gebracht wird, doch wohl noch drin sein. "Peanuts" natürlich, für die Sie, liebe Leser/innen, weit mehr als nur ein Leben lang ackern müssten…
(1) http://www.sueddeutsche.de/,tt4m1/finanzen/artikel/792/154394/
(2) http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,530808,00.html
(3) ebd.
(4) n-tv, 25.1.2008, 13 Uhr
(5) freitag Nr. 04 v. 25.1.2008.
(6) http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,530352,00.html
(7) http://www.welt.de/wirtschaft/article1591321/Soros_sieht_schlimmste_Krise_seit_60_Jahren.html
(8) wikipedia
(9) http://www.welt.de/wirtschaft/article1591321/Soros_sieht_schlimmste_Krise_seit_60_Jahren.html
(10)http://www.bild.t-online.de/BILD/news/standards/post-von-wagner/2008/01/25/post-von-wagner,geo=3573420.html
(11) Nachrichtenagentur AFP v. 25.Januar 2008.
(12) ebd.
(13) ebd.
(14) ebd.Bhuttos Tod und das Al-Quaida-Phantom oder - Was Sie schon immer über die Mainstream-Berichterstattung wissen sollten
(c) Werner Schlegel
Das eigentlich Erschütternde für mich an Benazir Bhuttos Ermordung war mein Friseur: "Es wird immer schlimmer mit diesem ganzen islamischen Terrorismus", sagte er. Es war Freitagmittag, und in den zehnsekündigen Nachrichtensplittern des lokalen Dudelwerbefunks war soeben die Meldung gelaufen "Die Terrorgruppe Al Qaida hat sich zum Anschlag auf Benazir Bhutto bekannt". In diesem Schlüsselreizwortsatz und dem Kommentar meines Friseurs fokussierte sich das ganze Elend dessen, was nur noch ausgeprägte Narren als "Nachrichten" und "Information" bezeichnen können: Die Verbreitung von Meldungen, die von irgendwelchen unidentifizierbaren Quellen über ebenso unüberprüfbare Verbreitungskanäle in die Welt gesetzt werden, um die Deutungs- und Interpretationshoheit über ein Ereignis zu erhalten.
Dass gegen Abend der Sprecher des pakistanischen Innenministeriums, Javed Iqbal Cheema, auf einer Pressekonferenz Gleiches behauptete, ändert an meiner Bewertung "unidentifizierbare Quellen" nichts, sondern gibt allenfalls einen späten Hinweis, wer an dieser Meldung größtes Interesse hatte: "Der Geheimdienst (Hervorhebung d.A.). habe Nachrichten abgefangen, wonach Al-Qaida-Chef Baitullah Mehsud hinter dem tödlichen Anschlag stecke", berichtete die Süddeutsche Zeitung um 21 Uhr 31. (http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/447/150080/).
Das Mehsud kein Mitglied des Al-Qaida-Phantoms ist, sondern Führer eines den Taliban nahestehenden Stammes, sei nur am Rande erwähnt. Es wirft nur ein weiteres bezeichnendes Schlaglicht auf die aus Inkompetenz, Schere-im-Kopf-Denken, leeren (weil outgesourcten) Redaktionsbüros und kostensparenden Agentur-Abschreibmeldungen gemixten Nachrichtenschnellschüsse der heutigen Medien.
Das für alles und jeden nutzbare Geheimdienstphantom Al Qaida war zu diesem Zeitpunkt jedenfalls längst in den Köpfen des normalen Nachrichtenkonsumenten verankert. Dort bleibt es, bis die nächste, nicht weniger dubiose und für niemanden wirklich überprüfbare Propagandameldung Verbreitung findet. Und diese kommt - nicht nur im Fall Bhutto - bei wichtigen Ereignissen quasi im Stundentakt. Denn die jeweils involvierten politischen Kräfte möchten die für sie wichtige Version des Geschehens als "wahr" in den Köpfen implementieren. Auf der Strecke bleiben dabei nachprüfbare "Fakten, Fakten, Fakten", wie sie der Chefredakteur des Focus werbewirksam und publikumsblendend einfordert. Gerade sein Blatt verbreitete - gemeinsam mit dem allen Medien als Ausschlachtungsorgan dienenden US-Geheimdienstmedium CNN - eine absolut hanebüchene Botschaft: Bhutto habe sich geduckt oder sei von der Druckwelle der Bombenexplosion gegen den Verschlusshebel des SUV-Sonnendachs geschleudert worden - mit der Folge eines tödlichen Schädelbruchs.
Auch diese Meldung kam von Brigadegeneral Javed Iqbal Cheema. Pech für ihn: Ein kleine billige schwarz-weiß Videosequenz, wahrscheinlich mit einem Mobiltelefon aufgenommen, zeigt etwas anderes: Eine erhobene, pistolenbewehrte Hand von links hinten, (die dann wieder in der Menge untertaucht) und vor allem: Eine Benazir Bhutto, die blitzartig nach vorne geschleudert wird, bevor die Explosion erfolgt. Im Klartext: Erst tödlicher Treffer, dann der Sprengsatz, dem angeblich 23 Menschen zum Opfer fielen.
Die Existenz dieses Videos ist wirklich ausgesprochenes Pech für Cheema und seinen Präsidentenchef Musharraf. Es beweist nämlich noch etwas: Sollte der Bombenattentäter überhaupt mit dem Pistolenträger identisch sein, dürfte er kaum den Todesschuss abgegeben haben. Andernfalls wäre Bhutto rechts zur Seite, statt nach vorne und unten geschleudert worden.
Ähnlich wie beim Kennedymord waren möglicherweise mehrere Täter im Spiel. Wer auch immer verantwortlich ist, wollte (und musste) diesmal sicher gehen, nachdem der Anschlag am 19. Oktober, (unmittelbar nach Bhuttos Rückkehr nach Pakistan), zwar 133 Unbeteiligte, aber nicht die Oppositionsführerin getötet hatte.
Tatsächlich könnte der tödliche Treffer durch einen Scharfschützen von schräg oben abgegeben worden sein. Aus einem Haus hinter dem Fahrzeug. Dies würde erklären, warum Benazir Bhutto nach vorne und unten, in den Wagen hinein geschleudert wurde. Es entspräche auch der Aussage Sherry Rehmanns, der Pressesprecherin Bhuttos. Sie saß im Fahrzeug hinter ihr und gab an, "drei oder vier Schüsse" gehört zu haben (CNN-TV, am Abend des 28., wiederholt am 29.12. um 12 Uhr 05). Rehmann sah zwei Wunden in Bhuttos Kopf "were it (eine Kugel/d.A.) went in and went out". Auch John Moore, Fotograf für Getty Images, hatte "zwei oder drei Schüsse" gehört.
Weshalb aber dann die Verwirrspiele um den Ablauf des Attentats? Immerhin gab es alleine vier amtliche Versionen. Die erste von CNN verbreitete lautet: "Blast outside a rally for Pakistani opposition leader Benazir Bhutto in Rawalpindi kills at last 20 People. Police say Bhutto unhurt".
Allerdings hatte die Washington Post bereits vorher gemeldet, die Polizei untersuche, "…whether the bomber had first shot Bhutto. Several witnesses said they believed the assailant had fired the shots and then, after being tackled by security personnel, detonated the bomb." (http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/12/27/AR2007122700122.html)
Am 28. griff dann die pakistanische Regierung ein. Erst ließ sie durch den Innenminister verbreiten: "Bhutto died of a gunshot wound to the neck", (CNN). Der Minister korrigierte sich später. Jetzt war es ein "Shrapnell" von der Bombe, das Bhutto getroffen haben sollte.
Gegen Abend (MEZ) folgte dann die Pressekonferenz mit dem Sprecher des Innenministeriums, Javed Iqbal Cheema, der nun wiederum seinen Chef verbesserte: "Bhutto's death did not result from a bullet or shrapnel, Cheema said, and nothing entered her head." (http://edition.cnn.com/2007/WORLD/asiapcf/12/28/bhutto.death/index.html)
Man muss CNN fast dankbar sein. Während nämlich die deutschen Medien, von N24, über Spiegel Online zum Deutschlandfunk und der Süddeutschen Zeitung (Beispiel: http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/447/150080/) in voraus eilendem Gehorsam (und vielleicht auch wegen fehlender eigener Korrespondenten) brav das Märchen von der allmächtigen Al Qaida nachplapperten, wiederholte CNN stur die kleine Videosquenz, mit der jede neue pakistanische Regierungssaussage postwendend widerlegt wurde. Außerdem bemühte sich der Sender, Augenzeugen zu interviewen. Allerdings wohl nicht, weil er plötzlich sein Herz für investigativen Journalismus entdeckt hätte.
Es ist vielmehr die Bushregierung, der ausnahmsweise etwas an der Aufklärung eines Attentates liegt. Bush setzte auf Bhutto. Unter seinem unmittelbaren Druck arrangierte sich Pakistans Militärchef Musharraf mit der Oppositionsführerin. Der Diktator sagte ihr unter anderem die Einstellung der laufenden Korruptionsverfahren zu und ließ sie überhaupt erst zur Wahl antreten. "Cui bono - wem nützt es?" muss also die Frage der Stunde lauten.
Wer gestern am späten Abend arte sah, erhielt einige mögliche Antworten. Dort lief eine ausgezeichnete Dokumentation eines französischen Journalisten (warum können das eigentlich immer nur andere?), über die Geschichte Pakistans. Von der Staatsgründung, über den Kaschmirkonflikt mit Indien, bis zu den Militärdiktaturen unter Zia ul- Haq und Pervez Musharraf.
Deutlich wurde dabei auch der Jahre lange Konkurrenzkampf zwischen Benazir Bhutto und ihrem Gegner Nazam Sharif herausgearbeitet. Musharraf wiederum spielte wechselseitig beide gegeneinander aus. Bhutto, keineswegs Lichtgestalt der Demokratie, sondern laut Beschuldigung einer Nichte sogar in das tödliche Attentat auf ihren konkurrierenden Bruder verwickelt, stand also zu erst einmal Sharif im Wege. Benazirs Familie hatte ihn denn auch prompt aufgefordert, ihrem Begräbnis fernzubleiben.
Aber auch Musharraf ist Todesprofiteur. "Man wird in Washington wieder auf ihn setzen müssen", erklärte der Duisburger Politikwissenschaftler Jochen Hippler dazu im Deutschlandfunk. (29.12. Informationen am Mittag, 12 Uhr 24). Dass er damit seine zuvor gemachte Behauptung widerlegte, der Diktator sei Verlierer des Attentates, merkte Hippler nicht. Auch im Internet (etwa bei Radio Utopie) wird verbreitet, Musharraf nütze der Anschlag nichts. Das ist ein Irrtum. Gerade die arte-Dokumentation bewies, wie trickreich Musharraf das Attentat vom 11. September nutze, um die - auch finanzielle und vorher stark reduzierte - Unterstützung der USA zu gewinnen. So geschickt, dass alle Behauptungen, der pakistanische Geheimdienst ISNI sei in dieses Attentat verwickelt (belegt ist die Überweisung von 100.000 Dollar an den angeblichen Attentäter Mohamed Atta) neue Nahrung erhielten.
In der Tat: Ohne Bhutto müssen die USA weiterhin Musharraf (unter)stützen. Nach ihrem absehbaren Wahlsieg wäre er dagegen auf der Verliererstraße gewesen und sein (US-erzwungener) Rücktritt nur eine Frage der Zeit.
Dass auch fundamentalistische islamische Kräfte ein Motiv hatten, liegt auf der Hand. Bhutto repräsentierte für sie alles Negative des Westens: Korruption, Opportunismus und last not least den Imperialismus der USA.
Selbst Bhuttos Ehemann hätte ein Motiv gehabt - sollte er denn tatsächlich zu ihrem Nachfolger in der Pakistan People Party (PPP) werden.
Blieben also noch ein paar simple kriminalistische Fragen: Etwa, wer eigentlich wusste, welchen Weg Bhuttos Wagen nach der Wahlveranstaltung einschlagen würde und vor allem: Dass sie nicht im Fahrzeug sitzen, sondern stehend aus dem Sonnendach winken wollte? Immerhin mussten der oder die Täter rechtzeitig am Ort des Verbrechens platziert werden. Fragen, die eine Tatbeteiligung aus Bhuttos eigenem Umfeld ins Blickfeld rücken.
Meinen Friseur allerdings ficht das alles nicht an. Er hat weder Zeit noch Lust, die (Geheimdienst)Intrigen der hohen Weltpolitik zu verfolgen. Vom Versuch einer zeitaufwändigen, bruchstückhaften Entlarvung ganz zu schweigen.
Und weil das so ist, erringt im Zeitalter des Blitzmediums Internet derjenige die Propagandahoheit, der am schnellsten seine "Nachrichten" in der Welt verbreitet. Genau so sehen diese dann auch aus: Eine unübersehbare Vielzahl verzerrter Fragmente einer Wirklichkeit, die immer wieder neu zusammengesetzt werden. Solange, bis das - je nach Interessenlage - gewünschte Bild entsteht und in den Köpfen hängen bleibt. Bei meinem Friseur ist es "Al Qaida war's". Und das ist das eigentlich Erschreckende an Benazir Bhuttos Tod. Er zeigt noch einmal überdeutlich, was spätestens mit dem 11. September 2001 zur orwellschen Realität wurde. Noam Chomsky bringt das so auf den Punkt: "Die Medien (dienen) den eng miteinander verzahnten Interessen der wirtschaftlichen und staatlichen Macht. Diese Interessen beschränken die Berichte und Analysen auf eine den etablierten Privilegien nützliche Weise und beschränken demzufolge auch die entsprechenden Debatten und Diskussionen" (N.Chomsky, Media Control, S. 65).
Da passt es dann wie die Faust auf's Auge, wenn CNN im Eifer der Berichterstattung ganz nebenbei verrät, (http://edition.cnn.com/2007/WORLD/asiapcf/12/28/bhutto.death/index.html) welchen Arbeitgeber sein "national security analyst" Ken Robinson früher hatte: Er arbeitete unter Bill Clinton in Pakistan - für den amerikanischen Geheimdienst.
Opium für's Volk oder Journalistische Momentaufnahmen aus einem elitären Land
(c) Werner Schlegel
Ich schrieb es vor einiger Zeit hier schon einmal: Manchmal möchte man einfach Amok laufen. Man tut es selbstverständlich nicht - aber zumindest entwickelt man ein gewisses Gefühl von Verständnis für jene verzweifelten Seelen, die sich irgendwann an die Wand gedrückt fühlen und völlig ausrasten. Man versteht, warum französische Migrationsjugendliche Nächte lang Autos abfackeln - auch wenn die Fahrzeuge der Nachbarn sicher das falsche Zielobjekt für die hilflose Wut sind. Und in ganz finstren Minuten wünscht man sich so etwas wie eine RAF, die "denen da oben" endlich mal wieder das Fürchten lehrt - wohl wissend, dass eine solche Truppe sich spätestens nach der zweiten Aktion in ein geheimdienstgesteuertes Phantom verwandeln würde.
Zum Glück hat man als Word- und Spracharbeiter eine einfache Therapie gegen derartige Gefühle zur Hand: Man kann sie sich im Wortsinn von der Seele schreiben.
Was ist der Anlass für solch "heiligen" Zorn?
Lassen wir einmal die große Weltpolitik außen vor, vergessen wir das unsägliche - von den wirklichen Problemen der Menschen ablenkende - Vogel-Krippenspiel, an dem US-Verteidigungsminister Rumsfeld nach Angaben des britischen Independet Millionen verdient, richten wir den Blick auf ein paar fast nebensächliche Alltagsgeschichten der dritten Märzwoche. Gerade sie ergeben ein Gesamtbild, das mehr aussagt, über den Zustand des Landes und die Korrumpiertheit seines Journalismus und seiner Eliten, als manches zum Skandal aufgeplusterte Histörchen.
Beginnen wir mit Sonntagabend, dem 13. März. Christiansens Palavermentsrunde. "Streik der Privilegierten - geht es den Staatsdienern immer noch zu gut?" fragt ausgerechnet eine Oberprivilegierte. Nicht dabei in der üblichen Gespensterrunde- ein Vertreter von ver.di. Jene Gewerkschaft, die zentraler Beteiligter ist, glänzt durch Abwesenheit. Allein diese Tatsache wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf Sabine Christiansens rotzige Horrorpictureshow: Wer da noch glaubt, es gehe der Dame um sachliche Diskussion, Information oder sonst etwas "Aufklärerisches", dem ist nicht mehr zu helfen.
Frau Christiansen geht es zu allererst um gutes Geld, das sie mit ihrer eigenen Produktionsfirma einstreicht. Ca. 30.000 bis 40.000 Euro sollen nach internen Medienbranchendiensten pro Sendung netto bei ihr hängen bleiben. Ein hübsches Sümmchen im Monat. Bei solchen Einkommensverhältnissen zählt man sich logischerweise zur selbsternannten "Elite" des Landes - und hat zweitens jedes persönliche Interesse daran, dass die Eliten weiterhin im Geld schwimmen und "die da unten" Sonntag für Sonntag für dumm erkauft werden. Etwa mit der einführenden Erklärung der Trash-Palaverkönigin, warum ein ver.di-Vertreter in ihrer Streiksendung fehlt: Ver.di habe sich gedrückt, hieß es da sinngemäß. Tja, da kann nun Frau Christiansen trotz aller guten Aufklärungsabsicht wirklich nichts mehr machen oder?
Falsch. Ihre Erklärung litt schlicht am "Spiegel-Syndrom". (So nenne ich inzwischen aus gutem Grund eine Art der "Informations"-Gestaltung, die neben einem winzigen Tatsachenkern aus sehr viel wahrheitsverschleierndem Wortnebel besteht). Fakt ist, Christiansens Büro wollte ein ver.di-Bundesvorstandsmitglied - am besten ver.di-Chef Frank Bsirske persönlich - in der Sendung haben. Das wurde von ver.di abgelehnt. Begründung: Man führe die (derzeit laufenden) Tarifverhandlungen nicht öffentlich vor der Fernsehkamera. Ver.di bot an, stattdessen einen Landesbezirksleiter in die Sendung zu schicken. Dies lehnte die Sendeleitung ab. Ergebnis: "Ver.di hat sich gedrückt". Das bekamen Millionen von Zuschauern zu hören. Eines der unzähligen Beispiele, in denen Information tagtäglich zur simplen Manipulation verkommt.
Schnitt - Montagmorgen. Wie üblich als erstes der tägliche Medienüberblick auf dnnd.de. Neben den wichtigsten ausländischen Zeitungen sind dort allein 16 deutschsprachige Printmedien mit ihren jeweiligen Top-Meldungen samt Links gelistet. Und wie jeden Morgen fällt eines sofort auf: Informationseinheitsbrei in Deutschland. Von Faz über Welt, Spiegel-Online bis Handelsblatt unterscheiden sich die Hauptthemen und ihre Schlagzeilen nur unwesentlich in den Formulierungen. So entsteht Meinung in den Köpfen, wird auf allen Medienkanälen der berühmt-berüchtigte "Mainstream" produziert. Für jedes Themenfeld, das der herrschenden Elite wichtig dünkt. "Milosevic starb an Herzversagen" ist ein Beispiel davon. Nicht ganz gelogen - und dennoch nicht wahr. Nichts wird hinterfragt, einer schreibt dem anderen hinterher.
Aber ist das nicht normal, könnte man fragen? Wenn eine wichtige Sache passiert, dann berichten eben alle darüber? Das mag sein, aber jeder Mensch weiß aus dem eigenen Alltag, das selbst das kleinste Ereignis eine Vielzahl von Facetten hat. Nicht so in unseren Medien. Es genügt übrigens völlig, einmal täglich CNN-Online anzuklicken. Abgesehen von den USA-internen Meldungen wüsste man dann bereits, worüber (und wie) alle anderen informieren.
Pluralität, Meinungsvielfalt? Fehlanzeige - selbst bei den Kommentaren.
Da bestücken etwa die Herren Christoph Slangen und Andreas Herzholz aus einem Berliner Journalistenbüro heraus tagtäglich zig kleinere Lokalzeitungen mit ihren unsäglichen neoliberalen Ergüssen. Unter anderem vom Wiesbadener Kurier, der Neuen Passauer Presse oder der Esslinger Zeitung im Süden des Landes, über die Ruhr Nachrichten oder die Marler Zeitung im Ruhrpott, bis zu den Bremer Nachrichten im Norden und dem Nordkurier in Brandenburg reicht ihr kommentierender Einfluss. Kommentare übrigens, die sich stets auf die gleiche (neoliberale) Formel verdichten: Der Sozialstaat ist schlecht, private Vorsorge ist gut - Reformen sind nötig (und die Erde ist eine Scheibe). In einigen Blättern hämmern die neoliberal vergifteten S(ch)langenkommentare den Lesern fast im Zweitagesrhythmus die Meinung der Eliten in die Gehirne. An manchen Tagen sind beide Herren gleich im Doppelpack vertreten. "Andreas Herzholz unterstützt den harten Sparkurs im Tarifstreit der Länder" hieß es am 14. März 2006 in einigen Ruhrgebietsblättern und darunter oder darüber: "Das Drei-Säulen-Modell taugt als Basis für die Gesundheitsreform, sagt Christoph Slangen." Letzterer ist übrigens sozusagen auf Regierungsmeinung geeicht, denn er ist Vorsitzender des Mitgliedsauschusses der elitären Bundespressekonferenz. So führt der direkte Weg vom Berliner Macht- und Elitenzentrum in unzählige große und kleine Meinungsmultiplikatoren des Landes. Und jeder Leser glaubt, die Herren kommentierten - oder berichteten, das tun sie nämlich auch! - ausschließlich für "ihr" lokales Blatt.
Die deutsche Presseagentur (dpa) besitzt seit langem das inländische Nachrichtenmonopol für die meisten Printmedien, CNN wiederum für die Fernsehnews. Christoph Slangen und Andreas Herholz verfügen über das neoliberale Kommentarmonopol bei vielen Lokalblättern. Meinungsvielfalt? Es darf gelacht werden. Allenfalls ein paar große überregionale Blätter wie etwa die Süddeutsche erlauben sich noch eine dezitierte eigene Meinung und selbständige Hintergrundrecherche. Der Rest schreibt (und plappert) Agenturmeldungen nach oder lässt sich von einem Büro mit Kommentaren beliefern. Jene, die ab und an so vehement - etwa bei rassistischen Islamkarikaturen - für ihre Pressefreiheit eintreten, haben diese längst selbst für eine handvoll Silberlinge verraten und verkauft.
Und sage keiner, das gehe eben nicht anders, in den Zeiten des allumfassenden Sparzwangs und der Gewinnmaximierung. Ein einziger Blick auf http://dnnd.de/, in die dort gelisteten französische Zeitungen, beweist das Gegenteil. Unterschiedliche Topthemen, mit völlig verschiedenen Schlagzeilen, wenn es nicht gerade um ein nationales Großereignis wie die Jugendunruhen in den Banlieus geht. Französische Zeitungen sind stolz auf ihre hauseigenen Kommentare. Die offenen Diskussionen über gesellschaftliche Themen, etwa in der Le Monde, können schon einmal mehrere Seiten füllen. Kritik ist erwünscht, Einheitsmeinungen verpönt. Kommentierte dort ein Herr Slangen, säße darunter ein Gegenkommentar von Herrn Dupont. DAS ist Meinungsvielfalt. Und die Le Monde ist bei weitem kein "linkes" Blatt.
Schnitt, Montagabend: Vor rund sechs Monaten wurden in einer Bochumer Grundschule hohe Benzolwerte gemessen. Eine zweite Messung Tage später erbrachte das gleiche Ergebnis. Benzol ist flüchtig, wird eingeatmet und gilt als stark krebserregend und erbgutschädigend. Die Stadt schwieg. Monatelang. Obwohl es genügend Menschen gab, die informiert waren, blieb das unschöne Geheimnis gewahrt. Niemand unterrichtete die Lokalmedien. Schon gar nicht die "Lokalzeit Ruhr" des Westdeutschen Rundfunks. Weil jeder nur Angst um seinen Job hatte? Oder weil Insider im Besitz brisanter Informationen längst resigniert haben?
Die "Lokalzeit Ruhr" ist das Ergebnis einer Programmreform des WDR. Statt landesweit alle über alles zu informieren, schuf man verschiedene "regionale Fensterprogramme". Jeden Tag eine halbe Stunde, von 19 Uhr 30 bis 20 Uhr. Viel Zeit für Information, sollte man meinen. Die Tagesschau kommt schließlich seit ihrer Gründung (da zählt das Stichwort "Globalisierung" plötzlich nicht mehr!) über die damals zugestandenen 15 Minuten nicht hinaus. Viel Sendeplatz also. Aber Information? Von wegen! Infotainment bis der Arzt kommt. Koch- und Gartensendungen am Fließband. Nette Rate-Mitmachsendungen statt Lokalberichterstattung. Schnell und billig zu produzierende Zeitfüller. Zeitweise entpuppten sich die Kochsendungen als schlecht verkleidete Werbesendungen für Restaurantbesitzer. "Ich koche heute für sie..." und am Schluss der Sendezeitverschwendung auf Steuerzahlers Kosten: "Bei uns im XXX-Hof kostet dieses Gericht 18,90 Euro; dazu empfehle ich Ihnen einen Riesling vom Weingut XY".
Irgendwann haben sich wohl zu viele nicht zum Zuge gekommenen Konkurrenten beim Sender beschwert. Jetzt heißt die Ganze "Lecker Essen mit Luger" und wird noch billiger produziert: "Sie können den beliebten Bochumer Schauspieler Joachim Luger zu sich nach Hause einladen. Und gemeinsam mit dem Vater Beimer aus der Lindenstraße Ihr Lieblingsrezept ausprobieren", lautet das Konzept der Serie. Und so geht das weiter. Beim "Backduell" etwa "treten zwei Lokalzeitzuschauer/innen gegeneinander an und backen um die Wette. Wer gewinnt, das entscheidet jeweils unser unparteiischer Back-Experte Heinz-Peter Kohlgrüber, Innungsmeister für Kleingebäck und kleine Backwaren aus Bochum. Bewertet werden Rezept, Geschmack, Handling und Hygiene."
Einige weitere "Informations"-Serien: Rätselzeit, Ausflugtipp, Gartentipp, und, und, und. Gebührenfinanziertes Verblödungsfernsehen auf Schrebergartenniveau. Primitives Mitmachtheater in einem Städte-Ballungszentrum mit durchschnittlichen Arbeitslosenquoten von 15 Prozent und Problemen über Problemen. Und da soll einer Hingehen, der brisante Informationen hat? Die Benzolgeschichte kam trotzdem raus. Immer mehr Lehrerinnen bekamen heftige Kopfschmerzen. Da schrieb die Stadt einen Brief an Eltern und Lehrerkollegium. Die Kinder sollten sich warm anziehen, damit zukünftig auch während des Unterrichts häufig gelüftet werden könnte. Dann verflögen die Benzoldämpfe, von denen man "leider nicht weiß, wo sie herkommen". Zu den Briefempfängern gehörte wohl auch ein Journalist.
Jetzt berichtete der WDR in seiner täglich um 18 Uhr 45 landesweit ausgestrahlten "Aktuellen Stunde". Die dauert eigentlich nur 45 Minuten, da ab 19 Uhr 30 auf die "die lokalen Fenster" umgeschaltet wird. Sie sind Bestandteil der AKS. In der "Lokalzeit Ruhr" wurde der Beitrag dann 15-Minuten später einfach wiederholt. Das kommt billiger.
Schnitt, Dienstagmorgen, Lokalzeitung. In der Kommentarspalte verteidigen die Spitzenverdiener Herholz und Slangen die neoliberalen Eliten gegen die Zumutungen der arbeitenden lohnabhängigen Bevölkerung. Die Gewerkschaften und auch "SPD-regierte Länder" erwecken "im Streit mit der Gewerkschaft ver.di den Eindruck, als gäbe es noch viel zu verteilen", empört sich der erste. Dass er als Spitzenverdiener, der für einen Kommentar von zig Zeitungen gleichzeitig bezahlt wird, im drittreichsten Land der Welt am reich gedeckten Tisch sitzt, schreibt er nicht. Und Kollege Slangen weiß wie stets, dass die bitteren (Gesundheits)-Reformpillen fürs Volk nötig sind, aber die Politiker erst nach den März-Landtagswahlen "den Mut haben, sich festzulegen".
Der Aufmacher im Lokalteil lautet: "Glücksbote bringt 7,4 Mio Euro". Ein 70-jähriger Rentner aus der Stadt knackte am Samstag den Lottojackpot. Da kommt Freude auf, bei den 23,6 Prozent Arbeitslosen in Gelsenkirchen.
Direkt darüber ein Bericht über die geplante Einführung von fünf Ganztagsschulen. Angesichts der Pisaergebnisse wären sie mehr als nötig. Aber die Bezirksregierung legt sich quer. Gelsenkirchen ist nämlich pleite. Allein bei der beabsichtigten Sanierung des Rathauses wurden über 20 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Der dafür verantwortliche CDU-Oberbürgermeister wurde nach der Landtagswahl 2005 zum NRW-Bauminister befördert. Sein Kämmerer und persönlicher Freund, den er eigens aus einem kleinen Kaff in die Großstadt geholt hatte, ging als neuer Finanzchef zum WDR. (Da werden wir wohl bald noch viel mehr billige Kochsendungen und Gartentipps kriegen). Und sein Pressesprecher, der die Katastrophen-Sanierungsverträge mit einem Privatinvestor (Tochter der Deutschen Bank AG) öffentlichkeitswirksam vertrat, wurde auch nicht im Stich gelassen. Erst ging er mit dem Minister als Pressesprecher nach Düsseldorf, dann, weil es dort bald Stunk mit der Landespressekonferenz gab, ins Landesstraßenbauamt. Kurz: Alle fielen auf weiche Höhergehaltskissen. Nur die Stadt hat jetzt kein Geld. Für gar nichts.
Ganztagsschulen? Die sind eine "freiwillige Leistung" und keine Pflichtaufgabe, sagt die Bezirksregierung. "Freiwillige Leistungen sind der Stadt Gelsenkirchen als Schulträgerin jedoch nicht erlaubt, weil sie keinen genehmigtes Haushaltssicherungkonzept vorweisen kann", schreibt die Lokalzeitung. Tja, die Schulden eben.
Auf der letzten Lokalseite, unmittelbar vor den dünn gesäten Verkaufskleinanzeigen (wer hier wohnt hat meist nicht viel zu verkaufen), dann eine Schlagzeile über die ganze Seite: "Herta-Arbeiter zittern um ihre Jobs". Man ist sie gewohnt im Ruhrgebiet, diese Berichte. Jetzt trifft es also die Beschäftigten des bundesweit bekannten Wurst- und Fleischwaren-Unternehmen, das eigentlich schon zur Nachbarstadt Herten gehört. Um neun Millionen Euro einzusparen, soll die GmbH "zerlegt werden". Filetiert sozusagen, in kleine lukrative Verwaltungs-, Logistik- und Produktionshäppchen. Die Zeche zahlen die Mitarbeiter. Rund 60 bleiben wohl auf der Strecke. Das ist nicht nur Existenzverlust, das ist Existenzvernichtung, denn im Pott bleibt in der Regel nur noch der Weg in Langzeitarbeitslosigkeit und Hartz-IV. Und nicht nur bei den Älteren. Im Gegenteil: "Jetzt geht es an die Jüngeren. Die älteren Mitarbeiter sind ja alle schon weg", sagt ein 35-jähriger Hertaner dem Lokalblatt.
Ich gehe auf die Website der "Lokalzeit Ruhr" des WDR: "Abnahme: Hochseilklettergarten in Oberhausen vor Eröffnung" lautet eines der Themen der Abendsendung. Von Herta steht da nichts. Es ist dieser Moment, wo mich plötzlich für einen Sekundenbruchteil der finstre Wunsch nach einer RAF heimsucht. Oder nach einer kitzekleinen Universitätsbesetzung, wie im benachbarten Frankreich. Oder wenigstens nach e8ner eindrucksvollen (Schüler)Demonstration mit - nach Polizeiangaben! - 300.000 Teilnehmern (die von den Tagesthemen am Abend zu "mehrere zehntausend" heruntermanipuliert werden). Aber genau so etwas soll schließlich mit dieser mehr schlecht als recht journalistisch getarnten Art von "Infotainment" und Mainstreamberichterstattung verhindert werden. Schreiben wir also weiter an, gegen das "journalistische" Opium fürs Volk.
Presse- oder Stürmerfreiheit
(c) Werner Schlegel
"Undemokratischer Islam versus demokratisches Europa", so versuchen uns einige Medien die derzeitige Auseinandersetzung um die Mohammedkarikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten zu verkaufen. Aber so einfach ist das nicht. Das Thema wirft nämlich einige Fragen auf.
Selbstverständlich bin ich für Pressefreiheit. Wer auf einer eigenen und wöchentlich auf der Website des Autorenkollegen und TV-Journalisten Gerhard Wisnewski publiziert, muss dies eigentlich nicht eigens betonen. Diese Websites sind schließlich zwei Tatsachen zu verdanken: Einmal der, dass in Deutschland eine grundrechtlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit existiert. Zum anderen dem Fakt, dass die darin implizite gesellschaftspolitische Verantwortung von den Massenmedien nur noch äußerst ungenügend wahrgenommen wird. Nicht nur philosophisch betrachtet gibt es kein Recht ohne Pflicht. Einfaches Beispiel: Wenn ich das Freiheitsrecht für die Verbreitung meiner Sicht der Dinge in Anspruch nehme, habe ich auch die Pflicht, dies anderen zuzugestehen.
Wie es damit in Deutschland aussieht, lässt sich an den 9/11-Skeptikern demonstrieren. Sie wurden von einem Massenmedium in übelster WILD-Zeitungsmanier zum öffentlichen (Meinungs)Abschuss freigegeben, diffamiert, niedergemacht und selbst in ihrer beruflichen Existenz gefährdet.
Womit wir bei der ersten Frage wären: Ist es nicht bezeichnend, dass gerade jene Mainstreammedien (z.B. FAZ ) im Karikaturenfall am lautesten "Pressefreiheit"! rufen, die sonst in ihrer täglichen Praxis ein Beispiel an einseitiger Meinungsmanipulation und -unterdrückung bieten?
Es ist mehr als bezeichnend. Im konkreten Fall lässt sich nämlich wieder einmal wunderbar mit dem Banner der westlichen Freiheitswerte wedeln und gleichzeitig mit dem Verteidigungsgeschrei von der lautlosen aber unaufhaltsamen neoliberalen Zerstörung eben jener Werte in den westlichen Staaten ablenken.
Aber kommen wir zu des Pudels Kern: "In Deutschland warnten Politiker und Journalistenverbände angesichts militanter muslimischer Proteste gegen die Karikaturen vor einer Einschränkung der Medienfreiheit", schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Online-Ausgabe vom 3. Februar 2006.
Geht es hier wirklich und ausschließlich um Pressefreiheit? Oder um die Freiheit der Kunst (denn immerhin soll es sich ja um Karikaturen, also satirische Zeichnungen handeln)?
"Was darf die Satire? Alles!" schrieb Kurt Tucholsky. Leider verwenden viele, die sich darauf berufen, dieses Zitat falsch. Sie legen die Betonung auf "alles!" Folgt man Tucholsky, liegt sie aber auf dem Begriff "Satire". Und schon haben wir die entscheidende Frage: Waren diese Karikaturen Satire?
Was die Beurteilung für das Publikum der Massenmedien so schwierig macht, ist genau die Crux an der Geschichte: Damit sich alle im Wortsinn ein Bild machen könnten, müssten die Zeichnungen auch allen zugänglich gemacht werden. Hier beißt sich die Katze in den unsatirischen Schwanz, denn die Folgen lassen sich ausmalen.
Geben Sie mir als Leser dieser Zeilen ein wenig Vertrauenvorschuss, wenn ich Ihnen versichere, dass ich mehr als die Hälfte der Bildchen kenne. Ich beweise es ihnen mit drei Beschreibungsbeispielen: Auf einem steht der Prophet Mohammed - sozusagen auf "Wolke 17" - vor dem Paradies, zu dem Selbstmordattentäter Einlaß begehren. Und was sagt er? "Stop, we run out of virgins! - Halt, wir haben nicht mehr genug Jungfrauen!" Auf einem weiteren ist das grimmige Gesicht des Propheten dargestellt. Statt des Turbans trägt er eine Bombe mit brennender Lunte auf dem Kopf. Auf einem dritten ein bluttriefendes Krummschwert.
Halten wir also fest: Zumindest auf den mir bekannten "Karikaturen" wird Mohammed und der Islam in unmittelbaren Zusammenhang mit Mord und Totschlag gebracht (Randfrage: Hat die Koalition der Willigen Afghanistan und den Irak angegriffen - oder war das etwa umgekehrt?).
Sie sehen, ich habe "Karikaturen" in Gänsefüßchen gesetzt, wie weiland Springers Sturmblätter die gute alte DDR. Aus gutem Grund. Regt sich bei dem bluttriefenden Messer in irgendeiner Ecke Ihres Gehirns ein Erinnerungshauch? Einhundertpunkte! In der Tat gab es solche "Karikaturen" im Stürmer der Nationalsozialisten! Ein häßlich gezeichneter Jude, mit einem bluttriefenden Messer in der Hand, über eine Kinderleiche gebeugt. Na, dämmert Ihnen, warum Tucholsky bei seinem berühmten Zitat die Betonung auf "Satire" legte?
Weil es Karikaturen und "Karikaturen" gibt. Und nun stellen wir uns noch vor, die "junge Welt" oder der "Freitag" veröffentlichten übermorgen eine Reihe klar als jüdischer Gott Jahwe - für den ebenfalls ein religiöses Bilderverbot existiert! - kenntlich gemachte Zeichnungen. Auf einer steuert er einen Hubschrauber, der gerade einige Raketen auf palästinensische Zivilisten abfeuert. Auf einem anderen einen Bulldozer, der einige Häuser in einem Flüchtlingslager niederwalzt.
Das würden diese Zeitungen - oder auch andere - niemals tun? Eben! Dreimal dürfen sie raten warum. Nur wegen der deutschen Geschichte? Nur weil postwendend der deutsche Botschafter in Tel Aviv zum Rapport einbestellt und der Zentralrat der Juden - zu Recht! - seine Empörung bei Ulrich Wickert äußern würde? Nein, nicht nur deshalb. Sondern weil die Gleichsetzung der Religion eines ganzen Volkes mit irgendwelchen Verbrechen unzulässig ist. Wer das tut, karikiert nicht, sondern handelt im günstigsten Fall strohdumm. Im ungünstigsten will er (auf)hetzen.
Dummheit ist - leider, möchte man manchmal seufzen! - sicher kein Ausschlussgrund für Medienfreiheit. Bewusste Verunglimpfung einer ganzen Religion - egal, ob uns diese nun zusagt oder nicht - aber sehr wohl. Wer dies tut, kann sich ebenso wenig auf die Pressefreiheit berufen, wie dies ein wieder auferstandenes Nazihetzblatt à la "Der Stürmer" könnte.
Wenn die religiösen Fundamentalisten in den USA derzeit bereits Darwin aus den Schulbibliotheken zu verbannen versuchen; wenn die bayerische Landesregierung einen Kreuzzug um die religiöse Ausgestaltung bayerischer Klassenzimmer startete; wenn die volkstümliche Kölner Bezeichnung des gekreuzigten Jesus als "Lattenjupp" nicht nur den dortigen Kardinal Meisner, sondern - mehrfach in der Vergangenheit! - auch den Staatsanwalt wegen "Verletzung der religiösen Gefühle" auf die Barrikaden trieb, sollten wir uns äußerst bedeckt halten, wenn es um die Verletzung der religiösen Gefühle anderer geht. Und nicht nur der "taz", für die ich früher mal schrieb und die nun gleich wieder den Untergang der abendländischen Medienfreiheit befürchtet, sei ins publizistische Stammbuch geschrieben: Pressefreiheit? Aber immer! Stürmerfreiheit? Nein Danke!
Tookie Williams oder Das Phantom der westlichen Werte
(c) Werner Schlegel
Stanley "Tookie" Williams ist tot.
Er wurde hingerichtet. Am 13. Dezember 2005. Von einem Staat, der wie kein anderer behauptet, weltweit "die westlichen Werte" zu verteidigen. Von einem Land, über dessen Irakkrieg der britische Dramatiker Harold Pinter in seiner Literatur-Nobelpreisrede schrieb: "Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen und die üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur Konsolidierung der militärischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas im Mittleren Osten unter der Maske der Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod und die Verstümmelung Abertausender Unschuldiger verantwortlich ist." Pinter konnte diese Rede nicht selbst halten. Er kämpft derzeit um sein Leben - in einem britischen Krankenhaus.
Daran lag es sicher nicht, dass sein flammender Appell für einen Aufstand der Anständigen von kaum einem deutschen Medium - die junge Welt ausgenommen - umfassender zitiert wurde. Selbst wenn er sie persönlich in Stockholm gehalten hätte, wäre ihr hierzulande sicher nicht viel mehr Resonanz beschieden gewesen. Das hat seine Gründe. Einer davon liegt in der zweifelhaften Position die Deutschland aus geschichtlichen Gründen gegenüber den USA stets einnehmen zu müssen glaubt: Es ist die Haltung des unter die Räuber gefallenen Ewigdankbaren, der in letzter Minute vom Samariter befreit wurde. Er verdankt ihm sozusagen sein (demokratisches) Leben. Das verpflichtet für immer - glaubt er.
Lassen wir einmal einige Dinge außer acht. Beispielsweise die Frage, ob die diktatorischen Räuber nicht bereits selbst sterbend auf dem Schlachtfeld lagen, bevor der Samariter dieses betrat. Oder den stets unausgesprochenen Verdacht, so ganz ökonomisch uneigennützig habe der tapfere Freund und Helfer damals nicht gehandelt. Lassen wir selbst die Tatsache beiseite, dass der Samariter für seine gute Tat mehr als ein halbes Jahrhundert lang ziemlich fürstlich belohnt wurde: Wenn er nun selbst unter die (diktatorischen) Räuber zu fallen droht - gebietet es nicht gerade die simpelste Vorstellung von Dankbarkeit, dass wir ihn lauthals warnen (wenn wir schon zum Helfen zu schwach sind)?
"Tookie" Williams ist tot. Er war in den letzten Jahren mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert worden. Auch für den Friedensnobelpreis. Ob die literarische Qualität seiner (Kinder-)Bücher im Rang der Preiswürdigkeit steht, mögen kompetentere Experten beurteilen. Sein jahrelanger Einsatz gegen Gewalt wäre eines Friedensnobelpreises sicher würdig gewesen. Er rettete damit vielen Menschen das Leben. Menschen mit zwei gegensätzlichen Hautfarben, die Synonym sind, für eine nicht minder gegensätzliche Gesellschaft
Zum einen schwarze amerikanische Bürger, angehörig der stets ausgegrenzten Unterschicht, selbst Opfer, durch Geburtsunrecht. Menschenopfer, wie sie beispielsweise zu Hunderten in den Katharina-Fluten von New Orleans ertranken, weil sie einer weißen Regierung gleichgültig waren. Jene Opfer also, von denen einige irgendwann aus der hilflos ohnmächtigen Wut der Entrechteten heraus selbst keine Gnade und kein Erbarmen - wer hatte es je mit ihnen? - mehr kennen und zu Tätern werden. Um schließlich unausweichlich dort zu landen, wo Tookie Williams saß: als vermeintlicher oder tatsächlicher Mörder in der Todeszelle.
Wie viele dieser potentiellen Gewalttäter er mit seinen Büchern, Telefonkonferenzenschaltungen in die Klassenzimmer der versammelten Underdogkids und unzähligen öffentlichen Appellen vor solch einem Weg bewahrte, wird niemand je wissen. Daß er wegen vierfachen Mordes verurteilt wurde (Taten die er im übrigen stets bestritt) ist hingegen amtlich. Aber wäre sein Friedenseinsatz deshalb preisunwürdiger gewesen als der des US-Präsidenten Woodrow Wilson, der den Friedensnobelpreis 1920 verliehen bekam? Er hatte am 6. April 1917 die amerikanischen Samariter-Truppen in einen "Kreuzzug für die Demokratie" geschickt. Auf die verheerten europäischen Schlachtfelder des 1. Weltkrieges. Zu einem Zeitpunkt, da des Kaisers Blutopfertruppen dort nur noch die Niederlage hinauszögern, aber längst nicht mehr verhindern konnten. Oder unwürdiger als der 1953 ausgezeichnete Erfinder des nach ihm benannten Marshallplanes, der als "Stabschef und wichtigster amerikanischer Kriegsplaner" (Biographie) die US-Armee von 200.000 Mann 1939 auf rund acht Millionen Mann bis zur Invasion 1944 aufrüstete? Unwürdiger gar, als Henry A. Kissinger und Le Duc Tho (der die Annahme immerhin ablehnte) 1973 oder 1984 Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin? Namen die alle an verantwortlicher Stelle für kriegführende Parteien und damit Tausende von "legal" getöteten Menschen standen?
Wohl kaum, zumal Tookie Williams mit seinem Einsatz nicht nur Menschen seiner eigenen Hautfarbe das Leben rettete, sondern zweifelos auch vielen weißen. Jenen Menschen also, die - Ausnahmen bestätigen die Regel - weltweit bestimmen, wer wann aus welchen Gründen Kriegskreuzzüge "für die westlichen Werte" führen darf. Williams Anti-Gewaltpredigten sorgten dafür, dass Opfer nicht zu Tätern wurden und neue Opfer schufen. Was kann einer, der einst Gewalt predigte, eigentlich mehr tun, um Vergebung zu rechtfertigen? Und was ist von einem angeblich gläubigen Christen namens Schwarzeneggerzu halten, der seinen Reichtum als Schauspieler mit Gewaltfilmen zusammenraffte und als Gouverneur keine Gnade kennt?
Stanley "Tookie" Williams ist tot. Hingerichtet 25 Jahre nach seiner angeblichen Tat. Legal ermordet, denn nichts anderes als Mord ist jede Tötung von Menschen, die nicht in absoluter Notwehr stattfindet. Egal, welche Rechtfertigungen Staaten oder einzelne Menschen sich dafür ausdenken, gleichgültig, welcher Werteverfall auch immer stillschweigend hingenommen werden mag: In Gesellschaften, die ihre Existenz angeblich dem Humanismus der Aufklärung verdanken und die sich ihrer vermeintlichen Rationalität rühmen, kann es - von Notwehr abgesehen - keine Rechtfertigung für die Tötung von Menschen geben. Da mögen noch so viele sprachliche Verschleierungsmäntelchen geschneidert werden, von "extralegaler Tötung" über " "putative Notwehr", bis zum "Selbstmord-Attentat": Mord bleibt Mord.
"Justice is going to be done tonight", sagte die Stiefmutter eines der Mordopfer, für deren Tod Williams verurteilt wurde. Was für ein Irrtum. Welch ein verkrüppeltes Gerechtigkeitsempfinden: Über zwei Jahrzehnte in der Todeszelle - um dann hingerichtet zu werden. Zu einem Zeitpunkt, da jeder DNA-überführte Serienmörder in Deutschland wieder auf freien Fuße käme (außer, er wäre als Mitglied des "RAF-Phantoms"/G.Wisnewski verurteilt). "Gerechtigkeit wird geübt"?
Als "Gangjustiz", bezeichnet die katholische Nonne und Todesstrafengegnerin Helen Prejean den staatlichen Mord. Bezeichnend und treffend, denn es sind Rachemorde. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
"Gerechtigkeit wird praktiziert?" Ja, etwa so wie im Irak, dem sie angeblich "die westlichen Werte" bringen wollen. (Diese Art von "Werten" hatte er übrigens schon - unter Saddam Hussein).
Stanley "Tookie" Williams ist tot. Er verlor den vom anderen, besseren Amerika fast verzweifelt geführten Kampf um sein Leben.
Tookie Williams, der tatsächliche oder vermeintliche Mörder wurde ermordet.Von einem Staat, dessen derzeitige Regierung jeden Anspruch auf Respekt schon lange verspielt hat. Von einem Schauspieler, der den auf-rechten Politiker gibt (oder umgekehrt, was offenbar eng zusammenhängt). Und von Teilen einer Gesellschaft, die - im Wortsinn - nicht ums verrecken kapieren will, dass Gewalt stets Gegengewalt erzeugt. Mit seinem Tod verschwindet wieder ein Stückchen mehr vom Phantom der "westlichen Werte", das man unsereins jahrzehntelang als Realität verkauft hat.
Hartz IV & Co. oder Lügen bis der Arzt kommt
(c) Werner Schlegel
Zum Start von Hartz IV erklärte die Bundesagentur für Arbeit, es habe alles hervorragend geklappt. So gut, dass bundesweit nur rund 300 Barauszahlungen nötig waren. Dass dabei verschwiegen wurde, wie Banken und Sparkassen in Nachtschichten und Überstunden Hunderttausende von falschen Überweisungen korrigierten - geschenkt. Wegen des üblichen Jahresabschlusses müssen die Angestellten der Finanzdienstleister ohnehin zum Jahreswechsel soviel arbeiten, dass es darauf auch nicht mehr ankam. Außerdem erhält die Bundesagentur dafür eine dicke Rechnung. Stutzig machte anderes. Allein in Gelsenkirchen, vermeldete eine Pressemitteilung von ver.di am 4. Januar 2005, habe es 80 Barauszahlungen gegeben. Die Zahl stammte von der örtlichen Arbeitsagentur. Der zuständige Ver.di-Bezirksvorsitzende schlussfolgerte deshalb zu Recht, dann könne ihm "niemand erzählen, dass es in ganz Deutschland so wenige waren".
Waren es auch nicht. Denn nach dem Motto, was interessieren unsere dummen Sprüche von vorgestern, verkündete Reiner Lipka, Geschäftsführer des neuen Integrationscenters für Arbeit - so der Name dieser Katastrophenschöpfung in der Schalke-Stadt - in einem Interview (Buersche Zeitung v. 26.2.05): "Wir haben mit 800 Barzahlungen Anfang des Jahres gearbeitet, damit dort, wo die EDV nicht richtig funktioniert, jeder sein Geld bekommt".
Der wahren Zahl der Betroffenen war bei ihrem Weg an die Öffentlichkeit Anfang Januar kurzerhand eine Null abhanden gekommen. Wenn es aber in der Emscher-Lippe-Stadt schon 800 waren, wie hoch war die Zahl dann wohl bundesweit?
Eine Meldung aus Essen lässt da tief blicken: "Betroffene erhielten plötzlich keine Leistungen mehr, Anträge verschwanden spurlos. Menschen, denen die Arbeitsweise der Jobcenter (früher Sozialämter) nicht bekannt war, wurden zwischen den Ämtern hin- und hergeschickt, konnten sich mit ihren Anliegen nicht durchsetzen. Das traurige Ergebnis: Trotz Antragstellung im Dezember waren Menschen im Februar immer noch ohne Leistung. (Quelle: KIK Nr. 150, 02.03.2005).
Für die Betroffenen ist das existenzbedrohend. Denn Sozialämter, zu denen sie früher als Notfallmaßnahme gehen konnten, wenn das Arbeitsamt wegen Pleiten, Pech und Pannen einmal nicht rasch genug überwies, gibt es in diesem Sinne nicht mehr. Eigentlich können sie zu überhaupt niemand mehr gehen. Nicht nur im Ruhrgebiet beginnen sich die Agenturen für Arbeit nämlich zwischenzeitlich einzubunkern. Wachdienste und Schwarze Sheriffs sind die eine Seite. Die andere: Bescheide und Briefe werden zunehmend ohne Telefonnummer und vor allem ohne Durchwahlnummern versandt. Selbst als Journalist hat man Schwierigkeiten, zu einem Ansprechpartner durchgestellt zu werden. Man landet bei einem Callcenter "Ich hinterlasse ihre Nachricht, sie werden zurückgerufen". Natürlich erfolgt kein Rückruf. Ratsuchende Arbeitslose jedenfalls werden nicht nur von Pontius zu Pilatus geschickt, sie erreichen telefonisch überhaupt niemanden mehr.
Plötzlich wird nachträglich verständlich, weshalb das neue Waffengesetz selbst für den Besitz von Schreckschussrevolvern einen Waffenschein verlangte. Man wusste wohl, was auf einen zukommen könnte. Schließlich wird das "Unterschichtenfernsehen" (Harald Schmidt) mit seinem unsäglichen Gehirnkaugummi, von der "Alm", über "Big Brother unendlich", bis zu "Verliebt in Berlin" nicht für immer und ewig zur Vollnarkose taugen. Wie hieß es dazu dieser Tage in Spiegel-Online? (Der aufsichtsführende Redakteur des neoliberalen Kampf- Sturmblattes muss da wohl einen freien Tag genommen haben):
"Dass es bis heute in der Bundesrepublik noch nicht zu größeren sozialen Unruhen gekommen ist, dass noch nirgendwo Langzeitarbeitslose ein Finanzamt, einen Bulgari-Laden oder ein Restaurant gestürmt haben, in dem ein Schälchen Misu-Suppe 20 Euro kostet, dass Abgeordnete mit "Nebenjobs" davon kommen, die sie nur deswegen ergattert haben, weil sie ins Parlament gewählt wurden - all das ist möglich, weil das Fernsehen so tut, als würde es Auswege aus ausweglosen Situationen bieten."
Mag sein, aber das rechtzeitige Verbieten von Schreckschusswaffen kann ja auch nicht schaden. Zumindest erschwert es die Bank- und sonstige Raubüberfälle der völlig Verzweifelten.
Und die Verantwortlichen für steigende Kinderarmut, verhungerte Siebenjährige in Elendsghettos und von überforderten arbeitslosen Blutjungmüttern totgeschlagene Babys (letzte Woche in Neuss)? Sie Lügen, bis der Arzt kommt. In aller Öffentlichkeit, ohne die geringste Scham und immer dreister.
"Jetzt kommt die ganze Wahrheit über den deutschen Arbeitsmarkt ans Licht", erklärte Wirtschaftsminister Clement in der Bild am Sonntag v. 20.2.2005. Eine glatte Lüge. Die ganze Wahrheit würde lauten: Die statistische Zunahme durch die Sozialhilfemepfänger ist vorher längst ausgeglichen worden, durch weit über Hundertausend Frauen, die aus der Statistik flogen. Sie erhalten kein ALG II (mehr), selbst wenn Ihr Partner - wie bei vielen Künstlern üblich - nur ein paar hundert Euro im Monat verdient.
Noch so ein schönes Clement-Zitat: "Wir haben 6,5 Millionen Menschen mit teilweise dramatischen Problemen am Arbeitsmarkt." (Zit.n. taz v. 2.3.05, Hervorhebung d.A.). Lässt man die Frage wer eigentlich "wir" ist, einmal beiseite, entpuppt sich der Rest als eine dicke Lüge mehr. Nicht die Arbeitslosen haben Probleme mit dem Abeitsmarkt, sondern dieser mit ihnen. Welche Stellenanzeigen - falls es überhaupt welche gibt - wären denn für Arbeitssuchende die älter als 45 Jahre sind, überhaupt zu finden? "Wir müssen fordern und fördern" verkünden der Minister und sein gut verdienender Kanzler der Bosse noch immer unisono. Als hätte es vor Hartz IV nicht die Rohrkrepierer Hartz I, II und III gegeben; als würden sich nicht auf jede der dünn gesäten freien Stellen im Lande die EHBs (amtliche Abkürzung für die neuerdings "erwerbslose Hilfsbedürftige" genannten Arbeitslosen) zu Dutzenden bewerben; als gäbe es nicht im Wochenrhythmus Ankündigungen von neuen Gewinnrekorden, garniert mit fröhlicher Arbeitsplatzvernichtung (was am nächsten Tag prompt den Aktienkurs des jeweiligen Unternehmens nach oben treibt); als würden nicht tagtäglich in diesem Land - beileibe nicht nur im Handel! - Vollzeitarbeitsplätze in Minijobs umgewandelt. Und "Fördern"? Wer - wie unsereins - Beschäftigte der Arbeitsagentur im Bekanntenkreis hat, weiß , dass die sich auf die Schenkel klatschen vor Lachen, wenn sie dieses Wort aussprechen.
Nein, abwiegeln, verharmlosen, verschweigen, schönreden , lautet die Devise aller amtlich Beteiligten, eben: Lügen bis der Arzt kommt. So, wie sie es oben vorgemacht bekommen. Etwa von Ullallalla Schmidt, die behauptet, die Gesundheitsreform belaste chronisch Kranke kaum. In Wahrheit kennen die AIDS-Ambulanzen zahlreiche HIV-Patienten, die ihre Kombinationstherapie abbrachen. Weil sie 40 bis 50 Euro im Monat an Zuzahlung für die extrem teuren Medikamente nicht aufbringen können. Aber sie zahlen doch nur "ein Prozent von ihrem Bruttoeinkommen" und werden dann von der Zuzahlung befreit?
Haben wir gelacht! Eine weitere glatte Lüge! Vom Haushaltseinkommen - und dazu zählt auch der Verdienst des Partners. Selbst wenn beide unabhängig voneinander versichert sind. Merkwürdig nur - die Krankheits- und Zuzahlungskosten des Partners dürfen nicht zu den eigenen Kosten dazu gezählt werden. Sein Einkommen hingegen zählt schon bei der Festlegung des Brutto-Haushaltseinkommens. Und deshalb erlangen selbst ALG-II-kaum Zuzahlungsbefreiung. Kein Wunder, dass die Krankenkassen plötzlich Miliardengewinne erwirtschaften, die flugs zur dicken Gehaltserhöhung bei einigen ihrer Bosse führten. Aber vielleicht nuschelt und stottert Frau Schmidt deshalb gar so häufig durch ihre Reden, weil sich die Unwahrheiten manchmal im Munde quer legen wollen.
Und dann wäre da noch die Lüge mit den Wahlen (nein, nicht: "Von wegen Demokratie!", das wäre ein ganz anderes Thema): Egal wie hoch die Verluste sind, unsere Münchausens haben stets souverän gesiegt. Dass die Wähler auch deswegen nicht mehr zur Urne gehen (wie sinnig: eine Urne fürs Stimmenbegräbnis), weil es egal ist, was und wen sie wählen, wenn selbst Erdrutschniederlagen zum Sieg umgelogen werden, stört unsere führenden Pinocchios nicht. Der Holzfigur wuchs vom Lügen wenigstens eine lange Nase. Wir Belogenen können darauf nicht hoffen. Sie werden weiter lügen. Bis der Arzt kommt. Mal sehen, welchen altmodischen deutschen Vornamen er diesmal trägt.
Brave New World oder So funktioniert das 4. Reich
(c) Werner Schlegel
Geht es nach den deutschen Fernsehsendern - über die immerhin ein Großteil der Bevölkerung seine Nachrichten-"Informationen" über die Weltlage bezieht - leben wir in einer schönen neuen Welt, in der selbst Kriege unblutig sind. Im Irak wird eine 300.000-Einwohnerstadt mit Luftangriffen, Panzern und Artillerie beschossen. Tote, Verwundete, Verletzte? Gibt's nicht. So wenig wie beim Golfkrieg I und II oder dem Überfall auf Afghanistan. Letzterer wurde seinerzeit unmittelbar vor dem Angriff in Tagesschau und Heute sogar mit der notwendigen Befreiung der talibanunterdrückten Frauen begründet. Die tragen dort allerdings bis heute die Burkha - und das nicht nur auf dem Land. Ohne dass weiterhin darüber berichtet wird. Schließlich gehören Karsai und Co. jetzt zu den Guten.
In Falludscha dagegen leben die Bösen. Das können wir praktisch jeder der üblichen Nachrichtenkurzmeldungen entnehmen. Im günstigsten Fall wird von "Rebellen" gesprochen - meistens von "Terroristen". Zivilisten? Fehlanzeige, gibt es offenbar nicht mehr in einer 300.000-Einwohnerstadt. (Zum Vergleich: Das ist etwa die Größenordnung des Landkreises München). Manchmal hört - und liest! - man, sie seien geflohen. Aber wohin? "Wen interessiert's?" scheint die klammheimliche Redaktionsdevise zu lauten. Nachfragen, Korrespondentenberichte? Fehlanzeige. Und die wenigen, schnell als gestellte Aufnahmen zu identifizierenden Bilder? Kommen von den berühmten "embedded journalists". Also vom US-Militär, Marke CNN. Man zappe sich einmal um 20 Uhr durch sämtliche Nachrichtensendungen im TV. Medienvielfalt? Wer daran glaubt, ist einfältig. Auf allen Kanälen, von den privaten bis zu den öffentlich-rechtlichen, die selben Nachrichtenbilder - nicht nur beim Angriff auf Falludscha.
"Wir haben eben keine anderen", höre ich das Redaktionsgemurmel. Ja, aber dann sagt euren Zuschauern in aller Deutlichkeit, von wem die Bilder kommen und wer ein Interesse an einem Krieg ohne Tote und Verwundete hat.
Apropos: War es nicht Gofi Annan, der gute Onkel Tom der UNO, der in einem BBC-Interview die Invasion des Irak als "illegalen Akt" (dpa 16.9.04) bezeichnete? Aus Angst um das Wohl der eigenen Berichterstatter - oder ist es eher die Sorge um die Kosten? - keine Korrespondenten in den Irak zu schicken, wäre eines. Im Studio darüber zu reden, was ein illegaler Krieg eigentlich bedeutet, etwas ganz anderes. Aber niemand - noch nicht einmal bei Monitor ! - nennt das Kind beim Namen: Wenn der Krieg illegal ist, handelte es sich bei der Invasion um ein Kriegsverbrechen . Jeder US-Angriff, jede neue amerikanische Bombe und Granate fügt diesem grundsätzlichen Kriegsverbrechen ein weiteres hinzu. Daran ändert auch die Beteiligung so genannter "regulärer irakischer Streitkräfte" von Bushs Gnaden nichts. Aber halt - es gibt ja gar keine Toten und Verwundeten in Falludscha, kein mitsamt den Verwundeten zusammengeschossenes Krankenhaus (das muss man aus arabischen Quellen recherchieren) und schon gar keine Zivilisten. Ja dann...
Dass in unseren Medien so gut wie keine kritischen Stimmen mehr zur Zerschlagung des Sozialstaates seh-, hör-, und lesbar sind, dass "Hartz IV richtig" (Thüringer Allgemeine) und die "Reformen alternativlos" (ungezählte mediale Schröder Nachplapperer) sind, daran haben wir uns - leider! - gewöhnt. (Natürlich fragt kein Journalist, und sei es auch nur in einem Kommentar, wozu wir eigentlich eine Demokratie und Wahlen brauchen, wenn die Regierungspolitik ohnehin alternativlos ist).
Dass man im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands (NRW) im dritten Fernsehprogramm (WDR) eine "aktuelle Stunde" als Nachrichten-Informationssendung geboten bekommt, in der Politik und Hintergrundinformation praktisch nicht mehr existiert, dafür aber - besonders in der "Lokalzeit Ruhr" - am Fließband Koch- und Gartenpflegetipps und sonstige billig zu produzierenden "Infotainment"-Elemente, scheint niemand zu stören.
Dass man täglich mindestens eine Stunde im Internet verbringen und ausländische Zeitungen im Original lesen muss (Mehrsprachlichkeit also zwingend notwendig), um halbwegs informiert zu sein, ist längst normal. Erst dort erfährt man: Arafat erbrach sich unmittelbar nach dem Genuss einer Suppe und brach dann zusammen, ein Giftanschlag ist also nicht von der Hand zu weisen. Oder: Der Vater des ermordeten Theo van Gogh ist pensionierter Mitarbeiter des niederländischen Geheimdienstes BVD, eines Vorläufers des heutigen Algemen Inlichtingen en Veiligheidsdienst (AIVD). Er arbeitete in der Abteilung B, zuständig für die Untersuchung und Analyse - des politischen Extremismus. Und auch der mutmaßliche Attentäter war für den Geheimdienst kein Unbekannter, wie man gleich in mehreren holländischen Zeitungen nachlesen konnte.
In unseren Medien - kein Wort davon. Auch nicht über solche Hintergründe: In Europa waren bisher die Niederlande der Staat, in dem der größte Prozentsatz der Bevölkerung an eine Verwicklung der US-Regierung in die Anschläge des 11. September 2001 glaubte (lt. Umfrage vom Sommer 2004 über 79 Prozent). Der größte Teil der Bevölkerung ist der US-Politik gegenüber sehr kritisch eingestellt, besonders im Fall Irakkrieg. Holland ist in Europa immer noch das offenste und liberalste Land, was Meinungsfreiheit, kritische Medien und Querdenker angeht. (Der neokonservative Mainstream braucht aber Orwellsches Einheitsdenk und Einheitssprech). Nach dem Anschlag auf Van Gogh ist nun ein Umschwung in Sicht. Der Krieg gegen den Islam findet jetzt auch in Holland immer mehr Anhänger. Welch Zufall übrigens, dass Van Gogh gerade unterwegs war, um einen Film fertig zu stellen, über die Ermordung Pym Fortuins. Seine Filmthese: Fortuyn wurde das Opfer eines Komplotts, in das auch der Geheimdienst verwickelt ist. Woher hatte er eigentlich diese Informationen? Von seinem Vater vielleicht? Und wurde diesem mit Van Goghs Tod ein mehr als nur deutlich warnendes Zeichen gegeben? Natürlich, eine Verschwörungstheorie. Merkwürdig nur, dass, von Bin Laden, bis Al Queida, von Neunelf bis Madrid, immer wieder deutlich Spuren zu Geheimdiensten führen, sobald es um islamistischen Terrorismus geht.
So mancher meiner Generation (Jahrgang 1951) fragte sich in den frühen 70er Jahren: Wie konnte eigentlich das 3. Reich funktionieren? Heute weiss ich, die Antwort ist ziemlich einfach: Genau so! Wir leben schon im vierten und haben es nur noch nicht gemerkt. Dafür sorgen Medien, die diesen Namen nicht verdienen. Geschweige denn den, der ihnen einmal von wohlmeinenden Politologen (lang, lang ist's her) verliehen wurde: Die vierte Gewalt. Medien, die niemand zwangsweise gleichschalten muss. Desinformierer und Manipulateure, die ihre Zuschauer, Hörer und Leser für dumm verkaufen (für genau so dumm, wie diese aus Bequemlickeit sein wollen?).
Große Worte, Desinformation und Manipulation? Kleines Beispiel gefällig?
Amerika hat gewählt - und kein Wahlbetrug, keine Konspiration ist in Sicht. Verschwörungstheoretiker kommen dafür im Kino auf ihre Kosten: bei Jonathan Demmes beklemmenden Polit-Thriller "Der Manchurian-Kandidat" mit einem großartigen Denzel Washington in der Hauptrolle.
Die US-Wahlen sind gelaufen, der Präsident steht fest - buchstäblich. Solide verankert in einem eindeutigen Wahlerfolg geht Georg W. Bush in die nächste Amtszeit. Die Zahlen sprechen für sich und eine eindeutige Sprache. Dabei hatten beide Parteien tausende von Anwälten engagiert, um einen möglichen Wahlbetrug zu entlarven; die Verschwörung schien vorprogrammiert, und weltweit wurde eine schmutzige Schlacht um die Macht im Staat erwartet. Wer enttäuscht war vom völligen Ausbleiben konspirativer Indizien beim Wahlausgang, darf sich jetzt auf Jonathan Demmes "Der Manchurian Kandidat" freuen. Was die konkrete Wirklichkeit an üblen Machenschaften schuldig blieb , kann im Remake von John Frankenheimers klassischem Thriller von 1962 besichtigt werden.
Mit diesem Texteinstieg verbreitete am 11. November Spiegel-Online, getarnt als redaktionellen Beitrag, Filmwerbung. (Auch daran haben wir uns längst gewöhnt: Werbung für anlaufende Filme findet selbst in der Tagesschau statt). Zu diesem Zeitpunkt hatten zahlreiche amerikanische Medien bereits über eine Vielzahl von Merkwürdigkeiten bei der US-Wahl berichtet. Nur ein Fernsehbeispiel vom 10. November:
More states surfaced with counting problems. Are they normal, regular tabulation problem or a sign of something bigger? Stand by, you're watching COUNTOWN on MSNBC.
In US-Medien wurde darüber diskutiert, im Internet Material zusammengetragen, während unsere Bauchredner ihrer Herren in vorauseilendem Gehorsam das Thema ad acta gelegt hatten. Wie dumm, dass Spiegel-Online nur wenige Stunden nach Veröffentlichung der Manchurian-Filmwerbung deren Autor Daniel Haas selbst konterkarieren musste:
Der Bezirk mit 139 Prozent Wahlbeteiligung
Phantom-Wähler, verschwundene Stimmen, Zählcomputer, die subtrahierten statt addierten: Während in der Wahlnacht kaum über Probleme beim Urnengang berichtet wurde, mehren sich inzwischen Informationen über Unregelmäßigkeiten. Erste Kongressabgeordnete fordern eine Untersuchung.
Glaubt man Greg Palast, dann hat John Kerry die US-Präsidentschaftswahl gewonnen. "Ich weiß, keiner will's mehr hören", seufzt der investigative Reporter, Dokumentarfilmer und Bestseller-Autor, der sich mit seinen Recherchen zum Florida-Wahlfiasko von 2000 einen Namen machte. Jetzt will er einem neuen Wahlbetrug auf die Spur gekommen sein: "Kerry hat in den ausschlaggebenden Staaten Ohio und New Mexico die meisten Stimmen bekommen. Sie sind aber zu Tausenden nicht gezählt worden."
Ein schwerer Vorwurf, doch er kommt nicht von irgendjemandem. Palast, wohnhaft in New York und London, arbeitet für die BBC, den "Guardian" und dessen Schwesterblatt "Observer".
So beginnt am späten Vormittag des 11. November eine lange Spiegel-Online-Story über zahllose Auffälligkeiten der Präsidentschaftswahlen in den USA, wo Bürgerrechtsgruppen bereits von einem "New Florida" (dort wurde Al Gore bei der Wahl vor vier Jahren um den Sieg betrogen) reden und schreiben. Wie hies es noch Stunden zuvor? Amerika hat gewählt - und kein Wahlbetrug, keine Konspiration ist in Sicht."
Und was hat nun diesen plötzlichen Meinungsumschwung bewirkt? Ganz einfach: Selbst CNN berichtete über die vielen Merkwürdigkeiten bei der US-Wahl. Da musste der Online-Zerr-Spiegel sehen, wie er noch die Kurve bekam. Vorauseilender Gehorsam hat eben manchmal auch so seine Nachteile.
Es gibt einen alten Geheimdienstgrundsatz: Wenn du etwas nicht mehr völlig unter der Decke halten kannst, mache das, was bekannt wird zum Skandal und lenke so vom wirklichen Skandal ab. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, in den deutschen Redaktionsbüros sitzen eine Menge Leute, die zumindest problemlos für einen Geheimdienst arbeiten könnten. Aber vielleicht ist das ja gar nicht mehr nötig. Was, wenn - ganz im Sinne Orwellschen Neusprechs - die Geheimdienstarbeit aus Öffentlichkeitsarbeit besteht und die öffentlichen Medien geheime (Staats)Aufgaben erledigen? Oder wenn beides längst eines ist?
Eine Verschwörungstheorie? Wer weiss das schon - in der Brave New World des Vierten Reiches.
Orwellsche Mediokratie oder Der Sieg der Vernunft
(c) Werner Schlegel
Abstimmung bei Opel in Bochum. Richtig toll demokratisch. Immerhin 9.600 Mitarbeiter aller vier Werke waren dazu eigens ins Ruhr-Kongress-Centrum (wer das wohl bezahlt hat?) gebeten worden.. Sie durften demokratisch entscheiden, ob der als Reaktion auf die drohenden Massenentlassungen begonnene wilde Streik beendet werden soll. 6.463 stimmten ab. 4.647 sprachen sich für einen Streikstopp aus. Und damit gegen ihre eigenen Interessen, weil der Verlust mehrerer tausend Arbeitsplätze nun ziemlich sicher ist. Sie nahmen - ohne das GM die geringsten Zusagen über den Bestand von Arbeitsplätzen gemacht hätte - den Druck genau zu dem Zeitpunkt zurück, da es begann, dem Konzern richtig weh zu tun: als die ersten anderen GM-Werke in Europa stillstanden, da die aus Bochum "just in time" gelieferten Teile fehlten. Aber - das ist eben Demokratie oder? Es gab schließlich ein eindeutiges Abstimungsergebnis.
Natürlich. Denn schon am 19. Oktober 2004, dem Abstimmungsvortag, an dem rund 25.000 Menschen vor dem Bochumer Schauspielhaus Solidarität mit den Streikenden bekundeten, lautete die von und in den Medien meist gestellte Frage an Opel-Mitarbeiter nämlich: "Wann nehmen Sie die Arbeit wieder auf!?" und nicht etwa "Wie lange geht der Streik noch weiter?"
Ein unbedeutender Unterschied? Von wegen! Sprache ist verräterisch. Die unserer sich selbst gleichschaltenden Medien ganz besonders. Auch die Kommentatoren der vor dem Opelwerkstor I aufgebauten Medienmeute gaben - von ARD bis N24 - stets die im Studio gewünschte Einschätzung wieder: "Ich glaube, dass eine Mehrheit für ein Ende des Streiks sein wird" hieß es so oder ähnlich am Abend - wiederum auf fast allen Kanälen. (Eine löbliche Ausnahme bildete der zu Unrecht nur als Spartenkanal gehandelte Sender Phoenix).
Auf diese Weise wurde ein Meinungsumfeld erzeugt, dass das gewünschte Wahlergebnis schon am Abend vor der Abstimmung präjudizierte. (So ähnlich, wie die bezahlten Meinungsumfragen, mit denen derzeit nahezu täglich die SPD wieder nach oben berichtet wird. Schließlich käme der herrschenden Kapitalelite momentan nichts ungelegener als ein vorzeitig gestürzter Kanzler und eine CDU/FDP-Regierung, gegen die sich Gewerkschaften, Arbeitnehmer und Oppositions-SPD verbünden - bevor alle "Reformen" unter Dach und Fach sind).
Nun könnte man zugunsten unserer Medienvertreter annehmen, sie hätten einfach nur berichtet, was sie von den Opel-Arbeitern erfuhren. Weit gefehlt. Sie berichteten, was sie berichten sollten. Ein wilder Streik - den letzten großen gab es 1973 bei den Kölner Ford-Werken - ist in der derzeitigen sozialpolitischen Gemengelage hochgefährlich. Das musste gestoppt werden. Um jeden Preis, auch den der offenen Meinungsmanipulation.
Wer - wie der Verfasser - am Tag vor der Abstimmung in Bochum war, wusste um die wirkliche Stimmungslage der Belegschaft. Sie war mit großer Mehrheit für eine Fortsetzung der Arbeitsniederlegung gewesen.
Aber wer dort war, konnte auch anderes beobachten: Etwa, dass ein TV-Team die Demonstration vor dem Bochumer Schauspielhaus fast 20 Minuten lang aus dem Hubschrauber filmte. Vielleicht, um besonders eindrucksvolle Totalen von deren Mächtigkeit zu erhalten? Von wegen! Die Aufnahmen wurden in sämtlichen Nachrichtensendungen des WDR (etwa Aktuelle Stunde ) gezeigt. Nie länger als 3 bis 4 Sekunden, was wohl ein bisschen wenig für den großen Drehaufwand war.
Nun brachten es diese Totalaufnahmen "rein zufällig" mit sich, dass im WDR-Fernsehen nicht ein einziges der zahllosen Demonstrationstransparente zu lesen war. Auf denen wimmelte es von Parolen gegen Hartz IV, Arbeitsminister Clement und die Agenda 2010. Die Zusammenhänge zwischen Massenentlassungen, Sozialstaatszerschlagung und neoliberaler Politik wären darauf mehr als deutlich abzulesen gewesen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und sich daran erinnert, dass der WDR wegen seiner vielen SPD-Parteibuchmitarbeiter von der CDU gerne als "Rotfunk" beschimpft wurde und wird.
Ein Einzelfall sicher und verständlich, stehen doch im Frühjahr Landtagswahlen in NRW an. Käme dann die CDU an die Macht, gehörten viele WDR-Mitarbeiter ebenfalls zu den Hartz-IV-Betroffenen. Da funktioniert die Manipulationsschere im Kopf wohl ganz von selbst. Verständlich - oder?
Aber was hat dann eigentlich ARD und ZDF veranlasst, in allen Nachrichtensendungen nur solche Bilder von der Demonstration zu senden, auf denen fast ausschließlich IG-Metall-Fahnen zu sehen waren? Immerhin wehten in Bochum auch eine Menge Ver.di-Fahnen - und selbst die eher konservative IGBCE war mit umfangreichen Abordnungen erschienen, sprich: Die Solidarität mit den Opel-Beschäftigten war umfassend und ging weit über die IG-Metallgrenzen hinaus.
Man darf getrost unterstellen, dass dies nicht sichtbar werden sollte. Die begleitenden Kommentare der in den Studios befragten "Experten", meist Professoren, die gut mit Steuergeldern honoriert sind, vielen nämlich entsprechend aus: "Die Opel-Beschäftigten schaden sich mit diesem Streik nur selbst" trompetete einer, "jetzt muss die Vernunft wieder siegen" ein anderer. Wie bei den erst das publizistische Sommerloch füllenden und anschließend niederberichteten Montagsdemos, wurden Betroffene gar nicht erst befragt. Sie hätten ja etwas Falsches sagen können.
Handverlesene "Experten", deren Standpunkt man kennt, Kommentatoren, die man gar nicht erst zu impfen und zu briefen braucht, Bilder, die mehr verschleiern als dokumentieren. Das ist orwellsche Mediokratie, nur 20 Jahre nach dem berühmt-berüchtigten Jahr 1984. Literatur, mutiert zur Realität, weil sie sich dereinst aus ihr sublimierte. Eine Realität, die als "Vergangenheit" gehandelt wird. In Wahrheit aber verschwinden vergangene Realitäten, die auf dem Fundament von "herrschen und beherrschen" gründen, niemals wirklich. Sie wandeln nur ihre Erscheinungsform und ändern ihr Gesicht - ihr Herrschaftscharakter bleibt stets der gleiche.
Blicken wir zur Abwechslung einmal kurz über den großen Teich: In Florida wird seit Tagen vor-gewählt und dabei pures Wahlchaos erzeugt. Wer sollte sich also wundern, wenn wir spätestens einige Wochen nach dem 3. November Herrn Dabbelju - selbst ohne neuen Terroranschlag - wieder gerichtlich als Präsidenten ausgerufen sehen. Nicht erst Michael Moore enthüllte schließlich (Fahrenheit 911), dass einige der obersten US-Richter lediglich von Bush Seniors Gnaden amtieren. Handverlesen, sozusagen. Und wenn schon beim vor-wählen Chaos die Szene beherrscht...
Kein Washington-Korrespondent, kein Kommentator in ARD-Tagesschau/Tagesthemen oder ZDF-Heute/Journal hat bisher die einzig richtige Frage zu stellen gewagt: Was ist das eigentlich für ein Staat, der - notfalls mit Waffengewalt - anderen Ländern die Demokratie bringen will und zu Hause Wahlbedingungen wie im diktatorischen Weissrussland sein eigen nennt?
Mag sein, der eine oder andere Zeitungsschreiber hat so oder ähnlich kommentiert. Man sollte dabei nur nicht übersehen, welche informationspolitischen Machtverhältnisse in diesem Lande existieren: Die Bevölkerungsmehrheit "informiert" sich in der Regel einmal täglich über die Fernsehnachrichten. Bevorzugt bei der ARD, weil diese Dank ihres über Jahrzehnte nur unmerklich veränderten Formats als beständig und daher "besonders seriös" (Umfrageergebnis) gilt. "Werch ein Illtum!" hätte Ernst Jandl wohl dazu gesagt...
In der Frankfurter Rundschau vom 11. Oktober schrieb der Politikwissenschaftler Ulrich Brand im Zusammenhang mit der hierzulande um sich greifenden Wahlenthaltung:
"Es geht kaum mehr um gesellschaftspolitische Diskurse und Vermittlungen komplexer Interessenlagen, sondern um die Bestätigung von Politikeliten. (...) Die gesellschaftlichen Eliten haben, zusammen mit den Medien, ihre Interessen an Umverteilung von unten nach oben und Ungleichheit abgesichert. (...) Ein anderer Aspekt (...) ist die Zunahme repressiver Politikelemente. Veränderungen wie jene von Hartz IV und die damit verbundenen Vorstellungen sollen zum einen die Schuld an gesellschaftlichen Missständen auf die Betroffenen selbst abwälzen. Zudem sollen sie im Kern Verunsicherung und Angst schaffen.
Brand stützte damit seine These, dass die Wähler sich nicht von den Parteien, sondern vielmehr letztere "sich aktiv von demokratischer Politik verabschieden". Diese Argumentation hat einiges für sich. Und dass nicht nur in den USA allerorten multimediale Angst verbreitet wird, sehen wir jeden Abend in den TV-Nachrichten. Das zum Terrormythos stilisierte "Phantom Al Quaida" (BBC) ersetzt heute die nachrichtentägliche AIDS-Angstmeldung aus den 90er Jahren. Terror-Angst, Entlassungs-Angst, verbreitet von den apokalyptischen Medienreitern einer Titten-Terror-Tainment-Industrie, für die Quoten alles und aufklärende Information nichts bedeuten. Existenzangst, wie bei den Opel-Mitarbeitern, denen durch entsprechende Journalistenfragen suggeriert wurde, die GM-Spitze habe bereits die fristlosen Entlassungen der Streik-"Rädelsführer" beschlossen.
"Angst essen Seele auf", sagte einmal eine Faßbinderfigur. Angst zum Wohle und zur Existenzsicherung der gesellschaftlichen Eliten und jener, die - wie der opportunistische Aufsteiger Schröder - gerne dazugehören würden. (Wer wird noch von ihm reden, wenn er die nächste Bundestagswahl verliert?). Und was die Eliten angeht - zu ihnen zählen sich qua Selbstdefinition lange schon gewisse Betriebsräte und Gesamtbetriebsratsvorsitzende, denen das eigene Hemd, (sprich: Posten, Macht und Geld) allemal näher sitzt als die wirklichen Interessen der Belegschaften. Auch deshalb musste der wilde Opel-Streik schnellstmöglich beendet werden. Damit das genau so bleibt. Weil man aber den wahren Seelenzustand der Belegschaft nur zu gut kannte, erfolgte das vorbereitende BILD-dir-meine-Meinungstrommelfeuer. Und als Krönung ein kleiner "Kunstgriff" mit großer Wirkung: "Soll der Betriebsrat die Verhandlung mit der Geschäftsführung weiterführen und die Arbeit wieder aufgenommen werden"? lautete die exakte Abstimmungsfrage. Wer Verhandlungen wollte, in der Hoffnung, dabei Arbeitsplätze zu sichern, war durch diese Fragekopplung praktisch gezwungen , gegen den Streik zu stimmen. So wurde die Streikstärke mit einem billigen Winkeladvokatentrick in eine Position der Schwäche verwandelt. Egal wie, Hauptsache, wir gewinnen die Abstimmung. Dabbelju lässt grüßen.
Manchmal kommt die vergangene Realität in der Maske der Mediokratie daher. Oder in der eines Betriebsrates. Ihr Charakter bleibt stets der gleiche. Es ist der Herrschaftscharakter.
Bliebe nur noch nachzutragen, dass die meinungsbeherrschenden Medien am Tag nach dem Ende des wilden Streiks bei Opel nahezu unisono vom "Sieg der Vernunft" (Buersche Zeitung) sprachen. Für die FAZ, die nur "vermutlich die Vernunft" am siegen sah, gab es immerhin "vielerlei Gründe" für das Streikende. Die getrickste Abstimmungsfrage gehörte allerdings nicht dazu.
Natürlich hatte die "Vernunft gesiegt" (Welt). Schließlich ist es die Vernunft der herrschenden Eliten.
Der rostige Tod von Flandern
(c) Werner Schlegel
Prolog
Die nachfolgende Reportage "Der rostige Tod von Flandern" erschien am 15. April 1988 in der ZEIT. Der langjährige Chef des ZDF-Auslandsjournal, Dr. Peter Berg, fertigte daraus unter meiner redaktionellen Mitarbeit eine 45-minütige TV-Reportage. Sie wurde am 29. November des gleichen Jahres gesendet, unter dem Titel "Der Tod steckt einen Spaten tief". Eine weitere ergänzte und überarbeitete Reportage zu diesem Thema publizierte ich in der taz unter dem Titel "Für's Vaterland im Dreck krepiert". Wenn ich den damaligen ZEIT-Abdruck hier wieder veröffentliche, gibt es dafür mehrere Gründe.
Der naheliegendste ist die Erinnerung an den Beginn des ersten Weltkrieges vor 90 Jahren, am 6. August 1914. Für mich ist jedoch anderes wichtiger: Nicht nur nach meiner Einschätzung steuern wir in den westlichen Industrienationen auf eine absolute Krisensituation zu. Oskar Negt meinte dieser Tage in der Berliner Zeitung "die Produktivität dieses (kapitalistischen/Anm. WSch) Systems ist noch längst nicht ausgeschöpft". Da hat er wohl recht. Leider gehört zu dieser "Produktivität" auch, das Überleben des Systems um jeden Preis zu sichern. Wobei sich Begriffe wie "Das System" oder "Der Kapitalismus" auf eine sehr einfache Formel reduzieren lassen. Die Herrschaft der Reichen über die breite Masse. Solange sichtbare Alternativen á la "Sozialismus" existierten, gab sich diese Raubherrschaft fast sanft wie ein Lamm. Immerhin war die Erinnerung an zwei katastrophale, von den herrschenden Eliten des Systems erzeugte Weltkriege noch ziemlich frisch in Europa. Das entsprechende Kreidefresser-Stichwort nach dem Ende des 2. Weltkrieges hies daher "soziale Marktwirtschaft".
Davon ist schon lange keine Rede mehr. Verarmung des Mittelstandes (dessen Angehörige trifft Hartz IV am härtesten) sowie Entwürdigung und rücksichtslose Ausbeutung (1-Eurojobs) der Nichtshabenden sind zwei Stichworte von vielen. Letzteren gesteht man dafür zynisch den Besitz eines maximal 5.000-Euro teuren KFZ zu. Als könnten Sozialhilfeempfänger von 345 Euro ALG II (Alleinstehende) Steuern, Versicherung und Kraftstoff für ein Auto finanzieren. Um dem Zynismus die Krone aufzusetzen, erklären tagtäglich bestverdienende selbsternannte journalistische "Edelfedern" ("schreibende Edelnutten", so der Kabarettist Martin Buchholz) und aus Steuergeldern hochdotierte professorale Experten auf allen Medienkanälen, wie gut man von ein paar hundert Euro im Monat leben könne.
Gleichzeitig wird der Druck gegen die "ganz unten" benutzt, um Angst bei denen zu erzeugen, die noch in festen Jobs sind. Mit der drohenden völligen Verarmung nach einem Jahr Arbeitslosigkeit vor Augen, sollen sie die größten Zumutungen schlucken: Lohndumping, Privatisierung aller Sozialleistungen und eine immer größere Vermögensumverteilung von unten nach oben. So spart Hartz IV der Regierung rund vier Milliarden Euro ein (die Zielvorgabe an den Oberzyniker und Menschenverächter Clement lautete ursprünglich 7 Milliarden!). Die Senkung des Spitzensteuersatzes, die Einkommensmillionären rund 30.000 Euro jährlich mehr in die Kassen spült - davon leben andere ein Jahr! - kostet rund 4,5 Millarden Euro. Deutlicher lässt sich Umverteilung nicht mehr demonstrieren.
Nein, die "Produktivität" des Systems ist wahrlich noch längst nicht ausgereizt. Aber es wird seine Götterdämmerung in den nächsten 50 Jahren erleben. Und diese wird blutig werden. Die völkerrechtswidrigen Kriege in Jugoslawien und im Irak waren da wohl nur kleines Geplänkel, gegen das, was droht, wennn der Kampf um die Energiereserven voll entbrennt. Schon jetzt werden in fast allen westlichen Industrienationen die Weichen auf Polizeistaat gestellt. Homeland Security in den USA, gefolterte Gefangene, die ohne juristischen Beistand, ohne Urteil jahrelang in KZs (Guantanamo Bay, Abu Ghraib)festgehalten werden, Überwachungskameras an allen Orten, Aufhebung des Bank- und Steuergeheimnisses - auch bei uns! - für immer mehr Menschen, Datenerfassung ohne Ende. Dazu Politiker, die ganz offen mit den Reichen, den Konzernherren und deren Aktionären paktieren. Aber all das wird am Ende nichts nützen. Am Ende steht Krieg, wie immer, wenn der "tendenzielle Fall der Profitrate" (Marx) zu groß geworden ist. Erst "asymetrischer" Krieg, gegen selbst erzeugte Feindbilder (Al Quaida, Islam), dann flächendeckender. Gegen China vielleicht, das - aus kapitalistischer Sicht - ökonomisch zur großen Gefahr für die USA und Europa zu werden droht. Krieg aber hat verheerende Folgen, nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern über Jahrzehnte hinweg. Daran soll diese Reportage erinnern, denn im Pentagon liegen fertige Kriegspläne gegen die meisten Nationen der Welt in den Computern (nachzulesen in "State of the Union" von David Callahan (USA 1997))
Der rostige Tod von Flandern
Über das Gesicht des Kollegen vom Westdeutschen Rundfunk huscht der Ausdruck ungläubiger Fassungslosigkeit. Seine Finger umklammern den Mikrophonschaft fester, als suche er Halt daran, um sich von der kühlen metallischen Glätte die Gegenwart des Jahres 1988 bestätigen zu lassen, während er schweigend auf den Boden starrt. Dort, zwischen den Füßen des Belgiers Patrick Van Wanzeele und seines Schwagers Freddy, liegt eine fußballgroße Eisenkugel im Gras. Von ihrer rostzernarbten Oberfläche strahlt - zum Greifen spürbar - etwas Bedrohliches aus. Es ist ein Blindgänger, genauer: eine mit fünf Kilogramm Sprengstoff gefüllte britische Werfergranate aus dem Ersten Weltkrieg. Während Patrick - nicht gerade behutsam - das Massenmordgerät mit beiden Händen hochwuchtet, um es zu einem zehn Meter entfernten Weidenbaum zu tragen, schaue ich auf die Uhr: kurz nach zwei. Fünf Minuten, nachdem wir die morastige Wiese betreten haben, auf der sich im Sommer 1917 deutsche Stellungen befanden, sind wir bereits fündig geworden.
Zwei Stunden verbringen wir an diesem Samstagnachmittag des 26. März noch auf der Kuhweide, hinter einem Bauernhaus in der Nähe der Hauptstraße leper (Ypern) - St. Eloi - Meesen, in der belgischen Provinz Westflandern. In dieser Zeit ortet Patrick Van Wanzeeles Metalldetektor auf einer Fläche von höchstens 20 Quadratmetern ein umfangreiches Arsenal. Obwohl der Belgier das Gelände völlig unsystematisch abschreitet, schickt ihm das Gerät praktisch auf jedem Meter Boden ein Signal in den Kopfhörer.
Freddy Van Wanzeele, seit Freitagabend "unser" Dolmetscher, gräbt jedesmal an den von seinem Schwager aufgespürten Stellen. Dabei kommen zum Vorschein: zahlreiche, rund drei Kilo schwere englische 7,5-Zentimeter-Schrapnellhülsen; einer der bei der Explosion weggeflogenen Verzögerungszünderköpfe aus Messing, 600 Gramm schwer und deshalb bei den Metallsuchern besonders geschätzt; murmelgroße bleierne Schrapnellkugeln in rauhen Mengen und deutsche Gewehrpatronen, mal einzeln, mal im Fünfer-Magazinstreifen. Dann meldet sich das Gerät besonders intensiv. "Das ist etwas sehr Großes!" sagt Patrick. Er hat recht. Etwa dreißig Zentimeter unter der Erdoberfläche stößt der Spaten auf die erste von drei deutschen 10,5-Zentimeter-Granaten. Keine Blindgänger. Scharfe, nicht abgefeuerte Munition, denn die Geschosse stecken noch in ihren langen Messinghülsen. Auch sie landen am Fuß des Weidenbaumes. Weshalb sie überhaupt herausgeholt werden, will der WDR-Kollege wissen. "Patrick hat das mit dem Bauern so ausgemacht", übersetzt Freddy aus dem Flämischen. Weshalb? "Damit sie irgendwann vom Bombenräumdienst abgeholt werden können."
Ganz locker klingt dieses "Irgendwann", so, als hätten wir nicht über Hochbrisantes, sondern über das Wetter gesprochen. Mich packt ein leises Schaudern, obwohl ich schon zum vierten Mal binnen drei Jahren in diesem Westfront-Abschnitt recherchiere. Aus einem Deutschland kommend, in dem sich kaum noch Spuren des Zweiten Weltkrieges finden lassen, fällt es mir immer wieder schwer, zu begreifen: Die Menschen in diesem Gebiet - im Deutschen Reich ehemals als "Ypernbogen" bekannt - leben mit dem Ersten Weltkrieg. Er ist allgegenwärtig, knapp 70 Jahre nach seinem Ende.
Die Schlachtopfer als Knochenmüll
Vier Jahre lang hatten sich zwischen Oktober 1914 und November 1918 die Kriegsgegner auf den wenigen Quadratkilometern im Halbkreis um die von deutscher Artillerie Stein für Stein zertrümmerte Kleinstadt Ypern im Grabenkampf ineinander verbissen. Von Bikschote bis Langemark/Poelkapelle im Norden, über Paschendale, Zonnebeke und den Polygonwald bei Beselare im Osten, bis Wytschate, Mesen und Ploegsteert im Süden war die flache, von zahlreichen kleinen Bächen versumpfte Landschaft von Schützengräben, Stacheldrahtverhauen, Betonbunkern und -unterständen durchzogen gewesen. Vor allem aber: Hier hatten Tausende und Abertausende deutsche, belgische, französische, kanadische, neuseeländische und australische Soldaten einen nicht endenwollenden Alptraum erlebt.
Meterweise kämpften sich damals die Infanterietruppen während der vier Ypernschlachten tage-, wochen- und monatelang voran, versuchten in einer um-und-um-gewühlten, granattrichterzernarbten Mondlandschaft inmitten von Artilleriebombardements "Erfolge" zu erzielen. Dabei versanken Lebende und Gefallene, Kämpfende und Verwundete samt Ausrüstung oft spurlos in achseltiefem Schlamm, quälten sich Mensch und Tier durch ein Inferno aus Gas-, Pulver- und Verwesungsgestank. Bis zum bitteren Ende, der gnadenlosen Vernichtung fast einer ganzen Generation vor allem englischer und deutscher 18- bis 25jähriger junger Menschen.
Wie entsetzlich das erbarmungslose Ringen an der Westfront war, läßt eine nackte Zahl schwach erahnen: Über 100 000 Soldaten - etwa die Hälfte davon deutsche - werden bis heute im Ypern-bogen vermißt. Vergangenheit? Geschichte? Nicht für die Flamen. Die Bevölkerung in den kleinen Dörfern und pappelumstandenen Einzelgehöften rund um Ypern wird ständig von dieser Vergangenheit eingeholt. Besonders im Herbst und Frühjahr, wenn beim Pflügen, Anlegen von Entwässerungsgräben oder anderen Erdarbeiten Überreste der Vermißten an das Tageslicht kommen.
"Etwa fünf bis zehn werden pro Jahr gefunden", hatte uns ein Vertreter der "Commonwealth War Graves Commission" in Ypern am Vortag erklärt. Dort, in der Elverdingestraat 89, hat die Organisation ein Haus gemietet. Von hier aus wird für die regelmäßige Pflege der 142 britischen Sol-datenfriedhöfe rund um Ypern gesorgt. Ausschließlich in Einzelgräbern liegen dort über 170 000 Soldaten. Die alljährlich ausgegrabenen Überreste werden auf dem "Cemement House Cemetry" südwestlich von Langemark bestattet. Vorausgesetzt, sie lassen sich eindeutig einem Commonwealth-Gefallenen zuordnen. Oft gelingt das, da Uniform- oder Stiefelreste die Armeezugehörigkeit erkennen lassen. Eine Identifizierung dagegen ist nur möglich, wenn persönliche Gegenstände oder die Erkennungsmarke in der Nähe entdeckt werden. Das ist selten, da viele der Vermißten bei Granateinschlägen zerrissen wurden. Von ihnen finden sich nur Skelett-Teile.
Von manchen dieser makabren Entdeckungen erfahren Behörden und "War Graves Commission" ohnehin nie etwas. So erzählt uns Patrick an diesem Wochenende von dem uniformierten, vollständig erhaltenen Skelett eines britischen Gefallenen. Ein Bekannter war im Januar 1987 bei der Suche nach Schrapnell-Zeitzünderköpfen darauf gestoßen (die Schrotthändler zahlen den Edelmetallsammlern bis zu zwei Mark für ein Kilo Messing und bis zu vier für das Kupfer, aus dem die Drallringe der Granaten gefertigt waren), auf dem Gelände eines Freizeit- und Vergnügungsparks neben der Landstraße Menen-Ypern, einem der damaligen Hauptkampfgebiete. Da der Besitzer des Vergnügungsparks den Skelettfund "als Touristenattraktion ausschlachten wollte", schaufelte der Entdecker die Stelle einfach wieder zu. Wenig später wurde über diesem unbekannten britischen Soldaten eine Schießbude errichtet.
Noch grausiger ist oft der Umgang mit den Überresten deutscher Gefallener. Da der "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" kein eigenes Büro in Ypern unterhält, wissen die flämischen Bauern nicht, an wen sie sich mit solch unheimlichen Funden wenden sollen. Zum anderen scheuen sie oft den damit verbundenen Aufwand. Erst recht, seit sie sich daran gewöhnt haben, Friedhofsland zu bearbeiten. "Ich habe das wieder untergepflügt, weil es stank!" berichtete mir einer im Norden Langemarks schon im Sommer 1985. "Das" - Ober- und Unterschenkelknochen mit Schuhresten am Fuß. Andere werfen die menschlichen Überreste auf den Ackerwagen, laden sie zu Hause in irgendeiner Scheunenecke ab. So werden wir am späten Samstagabend mit einer "Wühlkiste" konfrontiert, in der Uniformteile, Patronentaschen und Lederreste von Schuhen und Koppeln wild durcheinanderliegen. Dazwischen ein Sammelsurium von Menschenknochen. Ein Schlüsselbein, zwei Rippen, ein rechter Oberschenkel-, diverse Hand- und Fußknochen.
Die Kiste steht in einem mit Unmengen anderer Schlachtfeldfunde vollgepackten Schuppen, ebenfalls in der Nähe Langenmarks, bei den Quaghe-beurs. Viele der dort gestapelten Hand- und Artilleriegranaten, Bajonette und Gewehre gruben der Vater und die beiden Söhne beim Ackern auf den Feldern der Familie aus. Anderes wiederum stammt von gezielter Suche mit dem Metalldetektor. Dieses gerade hier risikoreiche Hobby pflegen viele in der Gegend. Und es gibt kaum einen Bauernhof, in dem nicht solch ein kleines oder größeres "Privatmuseum" existiert. Kein Wunder, daß Geert Quaghebeur auf die Frage, was "man empfindet, bei der Entdeckung menschlicher Überreste", schulterzuckend reagiert. "Wir sind damit aufgewachsen", sagt er verwundert.
Die eiserne Ernte und ihre Opfer
Ein Satz, den wir oft hören an diesem Wochenende. Menschenknochen? Alltäglich ist das für sie. Seit Großvaters Zeiten schon. Alltäglich, wie dieses andere, weit bedrohlichere Erbe aus den Jahren des menschenschlachtenden Wahnsinns. "Eiserne Ernte" nennen sie jene Tausende und Abertausende von Blindgängern, scharfer Artillerie-, Mörser- und Granatwerfermunition aller damals verwendeten Kaliber, die noch immer im flämischen Boden stecken. Das verrottet nicht, unter den Feldern, Wiesen und Wäldern, wie die vermißten Gefallenen, von denen ein erbärmlicher Mythos behauptet, sie "ruhen auf dem Feld der Ehre". Es rostet vor sich hin und - fordert Opfer. Opfer wie Jacques Covemaeker, 34 Jahre, verheiratet, zwei Kinder. Am 23. Mai 1983, Pfingstmontag, nutzt er den zweiten sonnigen Tag nach einer wochenlangen Schlechtwetterperiode. Der Besitzer des "Loore-hof" bearbeitet einen seiner Äcker in der Nähe des Kemmelberges, zwölf Kilometer südlich von Ypern. Stunde um Stunde zieht er mit dem Traktor eine schwere Egge durch die Erde. Plötzlich, kurz vor Sonnenuntergang, fegt ein schmetternder Knall über die Felder und bricht sich an den Hauswänden im nahegelegenen Loker. Jacques Covemaeker ist tot. Auf dem Gelände, über das sich im April 1918 bayrische Einheiten gegen den Kemmelberg vorkämpften, explodierte eine deutsche Granate unter der Egge.
Oder Rik Borry aus Wiltje. Knapp vier Wochen nach Covemaekers Tod mäht er mit seinem Bruder Dirk das 50 Zentimeter hohe Gras aus dem Graben der Klijtgartstraat bei Zillebeke. Um 7 Uhr 15 erfaßt der Mähausleger an Riks Traktor ein britisches Schrapnell. Ein Knall, Metall hämmert prasselnd gegen Metall, dunkler Qualm hüllt alles ein. Als er sich verzieht, findet der in einem anderen Fahrzeug etwa 40 Meter entfernt sitzende Dirk seinen Bruder schwerverletzt hinter dessen Trecker. Mit zertrümmertem linkem Knie und metallgespicktem Unterschenkel liegt er bewußtlos auf dem Boden. An einem Haus in der Nähe fehlen sämtliche Fensterscheiben, im Mauerwerk ist ein großes Loch, und ein Stück Metall steckt tief in der gegenüberliegenden Zimmerwand.
Dirk selbst erzählt uns das, am Samstagvormittag im Wohnzimmer der Familie Borry. Sein Bruder hat uns nur kurz begrüßt und ist wieder verschwunden. Er will nicht darüber reden. Besser: er kann nicht. Fünf Jahre danach leidet er noch immer unter einem schweren Trauma. "Alles, was aus Messing war, mußte aus dem Haus", sagt seine Mutter.
Draußen, wieder im Auto, denke ich daran, daß wir noch viele Familien besuchen könnten. Richard Desmedt, Maurer - tot. Lucien Reheul, Bauer - lebensgefährlich verletzt. Patrick Descamps - er half seinem Schwiegervater bei Umbauarbeiten am neu gekauften Haus - schwerverletzt. Daniel Hubaut, Tiefbauarbeiter, hatte mehr Glück. Sein Bagger erwischte "nur" eine Phosphorgranate. Sachschaden. Aber das sind nicht die einzigen. Die Liste der Opfer ist lang. "Jedes Jahr mindestens einer", hatte uns am Freitagmorgen der Pförtner im Gebäude der "Rijkswacht" gesagt. Dort waren wir mit Captain John de Vlaemink von der belgischen Polizei verabredet. Der verschaffte uns mit zwei Telephonaten unbürokratisch eine Besuchsmöglichkeit beim Bombenräumdienst der Armee im "Quartier Poelkapelle".
Die Truppe dieses "Ontmijningsdienst van de Landmacht" ist nicht sehr groß. Gerade 20 Mann sind auf dem lediglich mit einem Zaun gesicherten Gelände im Südostteil des Houthulster Waldes stationiert, erklärt uns Captain Vander Mast. Dann nennt er Zahlen und Fakten, die uns die Haare zu Berge stehen lassen. Die mehrfach gestellte Frage: "Warum wird das Zeug nicht systematisch ein für allemal abgeräumt?" erhält eine einleuchtende Antwort.
Etwa 1,5 Milliarden Schuß Artillerie- und Mörsermunition unterschiedlichster Kaliber wurden an der gesamten Westfront abgefeuert. Gut 30 Prozent davon, sagt der Captain sachlich, "waren Blindgänger". Das sind rund 500 Millionen Stück, nicht gerechnet die unbenutzten Granaten in verschütteten oder verborgenen Depots. Diese fast unvorstellbaren Mengen machen eine gezielte Räumung auch nur des Ypernbogens von vorne-herein aussichtslos. Die Mitglieder des Kommandos suchen nicht einmal selbst nach dem rostigen Tod. Sie sind das ganze Jahr über mit dem Einsammeln der Funde voll ausgelastet. Dabei informiert sie - außer bei Bauarbeiten - längst niemanden mehr wegen ein oder zwei einzelner scharfer Granaten. Solche Funde werfen die Bauern in die Drainagegräben neben den Feldern, legen sie am Fuß eines Telephonmastes oder am Rand eines Feldwegs ab oder transportieren sie auf dem Ackerwagen nach Hause. Bei der jährlichen Viehzählung heißt es dann: 20 Kühe, neun Schweine und - "ein Stapel Granaten, dort hinten in der Ecke", sagt Cpt. Vander Mast.
Ob er ab und zu Angst habe, wollen wir wissen. Der Sprengstoffexperte schüttelt den Kopf. "Angst? - Nein!" Beklemmung empfand er nur bei seinem Dienstantritt. Zwei Wochen zuvor, am 7. Mai 1986, waren vier seiner Kollegen hier auf dem Gelände getötet und ein weiterer schwer verletzt worden, als eine Senfgasgranate beim Abladen explodierte. "Das Zeug", sagt er nachdenklich, "wird immer gefährlicher." Nach sieben Jahrzehnten im Erdboden sind manche der verwendeten Sprengstoffe instabil. Entschärfen? Weder am Fundort noch überhaupt. Das Material, besonders die deutsche Munition aus den letzten beiden Kriegsjahren, ist bereits zu schlecht. Und noch einmal: "Die Mengen sind zu gewaltig."
Zwischen 150 und 200 Tonnen, gleich "10 000 -25 000 Stück" transportieren sie Jahr für Jahr auf mit feinem, trockenem Sand gefüllten LKW-Ladeflächen hierher. Zwischen April und September wird dann gesprengt. Jeden Tag, immer zur selben Uhrzeit, damit die Bevölkerung weiß: Kein Unglück - diesmal. Und da, an diesem Punkt des Informationsgesprächs, kommt der Schock: Sprengen? Und die Giftgasgranaten? Erst viel später wird uns die Tragweite der Antwort bewußt. Samstagnacht, als wir uns auf der Rückfahrt nach Köln noch einmal darüber unterhalten: 150 Tonnen Giftgas haben sich seit 1972 auf dem Gelände in Porelkapelle angesammelt. Behälter mit Chlorgas, das erstmals von der deutschen Armee am 22. April 1915 bei Langemark eingesetzt worden war, sowie Gelb-, Grün- und Blaukreuzgranaten. Über die Art der Lagerung erhalten wir keine exakten Informationen. Das Thema unterliegt "aus sicher verständlichen Gründen" - so Captain Vander Mast - eingeschränkter Geheimhaltung. Soviel ist immerhin in Erfahrung zu bringen: Scharfe Giftgasmunition und -blindgänger lagern "nicht in Bunkern oder anderen geschlossenen Räumen". Damit sich das durch kleinere Leckagen bereits austretende Gas "an der Luft verdünnen kann", ist das vorhandene Höllenarsenal unter freiem Himmel verwahrt. Getrennt nach "Kalibern und Nationalität", in kleineren Partien, um "das Risiko so niedrig wie möglich zu halten".
Wie lange sich die Unmengen nicht entschärfter Gasgranaten noch "in kleineren Partien" sammeln lassen, ist fraglich. Die Lagerkapazität ist nicht unbegrenzt, und jedes Jahr kommen 15 bis 20 Tonnen an neuen Funden dazu. Vor 1972 war die Beseitigung der chemischen Kampfstoffe einfach. Eingegossen in Zement wurden die Granaten im Golf von Gascogne versenkt. Seither ist diese Art der Problemlösung durch eine internationale Vereinbarung verboten.
Die einzige Hoffnung sieht Captain Vander Mast in der Verbrennungsanlage für chemische Kampfstoffe im bundesdeutschen Munster. Sie könnte im Houthulster Wald in Lizenz nachgebaut werden. Ob und wann sich diese laut Vander Mast "bisher nur in den Köpfen der Verantwortlichen herumspukende Idee" verwirklichen läßt, vermag niemand zu sagen. Eine Anfrage des belgischen Verteidigungs-Attaches vom 30. Januar 1984, ob das Poelkapeller Schreckenslager in der Munsterschen Kampfstoff-Verbrennungsanlage vernichtet werden könnte, mußte vom Bonner Verteidigungsministerium abschlägig beschieden werden. Eine Beratertätigkeit der Bundeswehr-Spezialisten wurde allerdings im Januar dieses Jahres vereinbart. Welche konkreten Schritte zur Lösung des Problems die belgische Regierung unternehmen will, ist jedoch auch auf der Hardthöhe nicht bekannt. So werden sie - neben all den anderen Spätfolgen des Ersten Weltkriegs - in Flandern wohl noch für Jahre mit der zusätzlichen Gefahr eines katastrophalen Giftgas-Unfalls leben.
Epilog
1996 kamen im Houthulster Wald erneut vier Mitglieder des Räumdienstes ums Leben, als sie Giftgasgranaten von einer der im Boden eingesunkenen Holzpaletten verlagern wollten. Es sind nicht die einzigen Opfer. Und noch immer wird bei Bau- und Ackerarbeiten die "eiserne Ernte" zu Tage gefördert. Patrick Van Wanzeele gräbt heute mit einer rund 20-köpfigen Gruppe systematisch tote Soldaten aus. Nachzulesen unter Ausgrabungen in Ypern
Der Dreißgjährige Krieg oder Die Verrohung Lieschen und Otto Müllers
(c) Werner Schlegel
Je länger der Dreißigjährige Krieg dauerte, desto mehr verrohten seine Beteiligten, desto brutaler wurden die in ihm verübten Gräuel. "Die Schweden", ein zusammengewürfelter Heerhaufen längst völlig entwurzelter Landsknechtsöldner zahlreicher Nationalitäten, machten alles nieder, was ihnen im falschen Moment - also praktisch immer - über den Weg lief. Sie drangen in Dörfer und Städte ein und schlachteten die Einwohner ab. Sie folterten, nicht nur um Kenntnis von Gold- und Geldverstecken zu erhalten, sondern aus purer sadistischer Lust am Quälen.Das Grauen, dass sie verbreiteten, hielt sich lange im Gedächtnis der Menschen. Noch in den frühen Sechzigerjahren wurde ich im Geschichtsunterricht meiner bayerischen Zwergschule über einige ihrer humanitätsfördernden Erfindungen informiert: Etwa den "Schwedentrunk", also das zwangsweises Einflößen von Jauche. Oder das - auch in der Hexen-Frauenverfolgung gebräuchliche - "Schnüren" und "Trillen", das Einsägen des Fleisches bis auf die Knochen durch Hin- und Herziehen rauer Schnüre um die Extremitäten. Apropos: Kein Zufall, dass einer der letzten, durch besonders bestialische Foltermethoden gekennzeichneten Höhepunkte der so genannten Hexenverfolgung, in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges fiel.
Neben Johann von Grimmelshausens "Schelmenroman" Simplicissimus brannte nicht zuletzt die kanzelmanifeste Geschichtsschreibung der katholischen Kirche eine Tatsache ins kollektive Volksgedächtnis ein: die Gräueltaten der schwedischen Truppen und ihrer marodierenden Absprengsel. Dabei sah es auf der anderen Seite, bei der kaiserlich-katholischen Soldateska (auf deren Seite Grimmelshausen aktiv war) nicht einen humanitären Deut besser aus. Davon weiss nicht nur die Historie Magdeburgs ein garstig Lied zu singen. Die Stadt wurde 1631 von Tillys Schlächterhaufen niedergebrannt, ihre Einwohner auf die übliche Art "behandelt": Folter, Vergewaltigung, Mord.
Mord, ein Mord, gilt für uns heutige, so genannte moderne Menschen als zwar menschliche aber illegitime und illegale Grenzüberschreitung, die es zu ahnden gilt. Sie berührt uns mehr oder - meist - weniger. Ansonsten sorgt die staatliche Justiz in vielen Fällen für juristische Aufarbeitung und Sühne. Nicht zuletzt, um uns eben genau daran immer wieder zu erinnern: Wir sind - sozusagen von Natur aus - letztlich alle zum Morden befähigt und lebten deshalb ziemlich schnell in einer Albtraumgesellschaft, wenn Mord legal und legitim wäre, was ja bekanntlich nicht das Gleiche ist.
Paart sich die Mordtat mit Merkmalen vermeintlich außergewöhnlicher Grausamkeit (vermeintlich, weil der Mensch auch hier zu allem fähig ist) oder richtet sie sich, wie etwa im Falle des Eschweiler Geschwisterpaares Sonja und Tom, gar gegen Kinder, sind wir ernsthaft empört. Dafür sorgen nicht zuletzt unsere multimedialen Boulevardmedien. Sie suhlen sich stellvertretend so sehr in unser aller Entsetzen, dass man sich oft eines Verdachts nicht erwehren kann: Sie wissen nur zu gut um unser aller mordlüsternen Fähigkeiten und betreiben deshalb so erfolgreich ihr blutrünstiges Geschäft, weil sie an unser insgeheimes rationales Entsetzen vor den eigenen Abgründen appellieren.
Dieses Entsetzen verstummte jedoch rasch, wenn wir statt mit ein, zwei (Kinder)Morden im Jahr tagtäglich damit konfrontiert würden. Wir stumpften ab. Jeden Tag mehr. Solange, bis der Massen-Mord im Wortsinn alltäglich geworden wäre. Und deshalb ist es so elend wichtig, dass Mord auch Mord bleibt. Egal wo er sich ereignet, egal wie und mit welcher Begründung.
Der Dreißigjährige Krieg begann formal als religiös-fundamentalistische Auseinandersetzung zwischen katholischen und protestantischen deutschen Herrschern (und war - im europäischen Maßstab betrachtet - zunächst lokal begrenzt). Natürlich wissen wir heute, dass einige Kriegsbeteiligte diesen "Grund" nur zitierten, um rein machtpolitische Interessen zu verfolgen. Aber das gilt letztlich für jede kriegerische Auseinandersetzung der Menschheitsgeschichte. Welch formales Etikett ihnen auch immer aufgeklebt wurde, die heimlichen innersten Gründe waren stets die Urmotive des simplen Eroberungskrieges: Macht und Profit vermehren. Je einfacher sich dies mit Begriffen wie "Ehre des Vaterlandes", "Glaubensfrage" oder "humanitäre Notwendigkeit" verschleiern lässt, desto schneller und leichter lassen sich Kriege begründen und vor allem: führen.
In den letzten Jahren des Dreißigjährigen Krieges, der - zu Recht oder Unrecht sei dahingestellt - immer mal wieder als "einer der verheerendsten in der europäischen Geschichte" (Microsoft-Encarta) bezeichnet wird, spielten die ursprünglichen Gründe praktisch keine Rolle mehr. Und von einer lokalen Begrenzung war schon nach wenigen Jahren nicht mehr die Rede gewesen. Stattdessen hatte sich Herrscher um Herrscher an der jeweiligen "Koalition der Willigen" beteiligt. Für sie war der Krieg lediglich machtpolitisches Instrument - für ihre Untertanen dagegen das nackte Grauen.
Besonders auf dem Land, fernab der befestigten Städte, war am Ende niemand mehr seines Lebens sicher. Alte und Junge, Frauen und Männer, sie alle lebten in einer Zeit des Terrors. Praktisch täglich mussten sie damit rechnen, das irgendeiner der kleinen, umherziehenden marodierenden Haufen ihr Dorf, ihren Weiler überfiel, sie abschlachtete und ihre Häuser zerstörte. Gräueltaten empfanden sie als "Normalität" - sie kannten letztlich nichts anderes mehr.
Nun gibt es eine Auseinandersetzung, die schon länger andauert, als der Dreißigjährig Krieg - nämlich fast doppelt solange. Sie begann lokal begrenzt, weitete sich später auf immer mehr Staaten aus und erfasst nun langsam aber sicher die ganze Welt. Geschichte wiederholt sich nicht, sagte einst ein kluger Mann. Vielleicht deshalb begann dieser bald sechs Jahrzehnte währende Krieg deshalb nicht - wie einst der Dreißgjährige - als religiös begründeter Konflikt. Aber er scheint nun, nach unendlich langer Zeit, weltweit in einen solchen zu münden.
Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist im jeweiligen staatlichen Existenzrecht des anderen begründet. Aber ob wir es wahr haben wollen oder nicht, im Rahmen seiner langen Entwicklung hat er immer mehr Länder indirekt und direkt beeinflusst. Der Kampf um die Existenzberechtigung eines jüdischen und palästinensischen Staates scheint spätestens seit dem Jahre 2001 in eine Kriegsfront Juden- und Christentum versus lslam zu mutieren. Und niemand kann in diesem Krieg mehr sicher sein, dass er nicht irgendwann, irgendwo in die Luft gesprengt, in Grund und Boden gebombt oder sonst wie massakriert wird.
Übertreibung? Wir sollten die Angehörigen fragen. Die der Toten von Srebrenica und die der vergewaltigten Tschetscheninnen. Die Angehörigen oder schwerst verletzt Überlebenden irgend eines in Israel gesprengten Busses oder die der Toten von Faludscha. (Dort legte am vergangenen Freitag eine abgeworfene 1000-Kilobombe der USA-Luftwaffe ganze Straßenzüge in Trümmer und zerfetzte eine unbekannte Zahl von Menschen, ohne dass dies unsere TV- und Hörfunknachrichten einer Erwähnung für wert befanden). Die Angehörigen der Kriegstoten im Kosovo, der Urlaubsopfer von Dschjerba und Bali, der Pendlerfamilien von Madrid. Sie alle sind Opfer dieses (über) 60-jährigen Krieges, in dessen Verlauf die Fronten verschwommen sind, immer mehr zerfaserten. Machtpolitische Interessen führten über Jahrzehnte zu wechselnden Unterstützungskoalitionen der jeweiligen Seite. Bei Europäern - mit Ausnahme vielleicht Frankreichs - und den USA überwog stets die Unterstützung Israels, bei den meisten arabischen und islamischen Staaten sowie den ehemaligen sozialistischen Ländern die der Palästinenser.
Die Welt veränderte sich seit Beginn dieses nunmehr - nimmt man die israelische Staatsgründung vom 14. Mai 1948 als Ausgangspunkt - fast 56 Jahre währenden Konflikts. Wie im Dreißigjährigen Krieg wechselten Verbündete die Fronten, wurden Freunde zu Feinden und am wichtigsten: Stumpften wir alle ab. Mit jedem Jahr, dass dieser mal offen mal latent ausgetragen Krieg anhielt, gewöhnte der Rest der Welt sich mehr daran. Und mit jedem Jahr seiner Dauer brutalisierte er sich stärker. Kämpften erst (arabische) Armeen gegen eine (israelische) Armee und Soldaten gegen Soldaten, waren es bald Freischärler gegen Soldaten und Soldaten gegen Zivilisten. Noch später waren es Freischärler gegen Zivilisten, und Siedler gegen Freischäler, zuletzt selbstmörderische Familienväter, die andere Familienväter, -mütter und Kinder töten und eine Regierung, die die Ermordung eines querschnittgelähmten Krüppels im Rollstuhl anordnet, ohne dass ein Schrei der Empörung durch die Welt fegt. Stattdessen sehen wir stets stillschweigend zu - und weg. Mit verheerenden Folgen für uns alle.
Die serbische Großmachtpolitik eines Slobodan Milosevic wäre ohne diesen bald zweimal dreißigjährigen Krieg ebenso wenig möglich gewesen, wie der NATO-Angriffskrieg gegen das kommunistische Jugoslawien. Der iranisch-irakische Krieg, mit seiner nach dem Motto "der Feind meines Feindes ist mein Freund" vorgenommenen Unterstützung beider Seiten durch die jeweiligen israelisch-palästinensischen Sympathisanten ebenso wenig, wie der zwangsläufig darauf folgende Golfkrieg II, der wiederum den dritten nach sich zog. Und im Windschatten der Golfkriegs-Kombatanten konnte sich ungerügt der Massenmord in Tschetschenien entwickeln. So greift ein Kriegsrad ins andere.
Die Aktivisten sind längst so abgestumpft wie wir. Als Folge davon werden die kriegerischen Aktionen (egal, wer letztlich dafür verantwortlich zeichnet) immer skrupelloser, brutaler, gnadenloser. Wir haben uns daran gewöhnt. Auch daran, dass Mord nicht mehr Mord genannt wird. Unsere Medien umschreiben staatlich angeordnete Morde (also ein Verbrechen!) schlicht als "Tötung", "Liquidierung" oder - als wäre das Opfer ein rechtskräftig verurteilter Mörder - "außergerichtliche Hinrichtung" (ARD/ZDF/RTL/SAT 1). Die Ermordung von Zivilisten im Irak wiederum wird simpel als "Bekämpfung von Terroristen" dargestellt. Wer Bomben auf Wohnhäuser wirft "bringt die Demokratie", wer sich bewaffnet dagegen wehrt ist Terrorist - das ist Orwell at it's best.
"Die Hölle, das sind die anderen", schrieb Jean Paul Sartre in Ekel . In der Tat. Genau so, wie einst die kaiserlich Katholischen von ihren Kanzeln herab den Terror der protestantisch Schwedischen verkünden ließen und Stillschweigen über ihren eigenen wahrten, ist heute wieder Mord und Terror stets das, was die anderen begehen. Und wo wir schreien müssten, beschäftigten wir uns mit Superstarsuche und Fußballergebnissen. Es scheint nichts mehr zu geben, was uns zum Schreien bringt. Weder Mord und Totschlag, noch bedrohliche geschichtliche Parallelen. Etwa wenn in diesem Land (wie am 16. April geschehen) aller Gläubigen in einer Bochumer Moschee nach dem Freitagsgebet polizeilich kontrolliert, registriert und fotografiert werden. Man stelle sich diese Maßnahme nach einem christlichen Gottesdienst am Sonntag oder - um den Wahn-Sinn in seiner ganzen Dimension deutlich zu machen - vor einer jüdischen Synagoge vor. "Die Hölle, das sind die andern".
"Richten wir uns also auf einen Dritten Dreißigjährigen Krieg ein", schrieb mir vor kurzem der zurzeit in den USA weilende Schriftsteller Jürgen Lodemann (Siegfried und Krimhild/Klett Cotta) in einer E-Mail. Sorry , aber wir sind schon seit fast zweimal 30 Jahren mitten darin. Und die dadurch bedingte Verrohung von Lieschen und Otto Müller ist sehr weit fortgeschritten. So weit, dass wir alle möglicherweise demnächst in einem Meer von Blut baden, wenn wir nicht endlich aufwachen und weltweit vernehmlich zu schreien beginnen: "Es reicht! - egal welche Gründe wer auch immer dafür nennt!"
Helden oder Das Mädchen der Tod und ich
(c) Werner Schlegel
Angst in lebensgefährlichen Situationen ist eine Filmerfindung. Fragen sie mal einen Polizisten, der wird ihnen das bestätigen. Oder Günther Lamprecht. Als er mit seiner Lebensgefährtin im Sommer 1999 einem 16jährigen Amokschützen als Zielscheibe diente, verspürte er anfangs (er hat's bei Biolek erzählt) auch keinerlei Angst. Die ist nämlich was für Fernsehkrimis. Das banale menschliche Leben ist viel unkomplizierter. Wenn plötzlich das Auto zu Schleudern beginnt, einem Geschosse und Querschläger um die Ohren jaulen oder man auch nur jählings in die Mündung einer durchgeladenen und entsicherten Waffe blickt, hat man überhaupt keine Zeit für Angstgefühle. Dafür reagiert das Gehirn viel zu schlafmützig. Bis es denkt, "oh Scheiße, jetzt muß ich aber sofort verdammt starke Angstsignale aussenden, eigentlich müßte ich glatt in die Hose machen vor Angst" ist die Situation schon wieder eine ganz andere. Meistens zumindest.
Oder man ist bereits tot. Nein, statt der Angstempfindung ist vielmehr Reaktion gefragt. Das Großhirn kann einstweilen denken, was es will, während die jahrtausendelang trainierten Reflexe aus dem Steinzeiterbe die Kontrolle über den restlichen Körper übernehmen. Schließmuskel eingeschlossen, denn Kacken im Laufen ist hinderlich bei der Flucht. Nein, wirklich keine Angst, stattdessen reagiert man "einfach" irgendwie. Auch dabei verhält sich der Mensch weit unkomplizierter als er zu sein vorgibt: Schneller sein, panisch fliehen oder völlig abschalten und totstellen lauten die archaischen Grundmuster. Wenn man - wie zig Millionen Menschen tagtäglich auf diesem Planeten - Glück hat, ist eines davon das Richtige. Man kann natürlich auch Pech haben. Falsche Reaktion. Dann ist man je nach Stellenwert in der menschlichen Hierarchie ein Fall für die Titelseite oder für die Rubrik "Kurz berichtet" im Lokalteil. Das erfährt man dann aber Umständen nicht mehr. Sozusagen zum gerechten Ausgleich.
Jedenfalls kommt die Angst erst später. Wenn alles vorbei ist, tanzen die Knie Cha-Cha- Cha und das Gehirn wacht auf und funkt panisch "SOS". Angst braucht Zeit. Deshalb werden die militärischen Tötungsmaschinen immer schneller. Wer einen Tornado reitet hat nicht eine Sekunde Zeit darüber nachzudenken, daß er eigentlich Angst haben sollte. Schon gar nicht, wenn im Einsatz feindliche Raketen drohen. Noch nicht einmal, wenn sich bei Trainingsflügen in friedlichen Zeiten - aber wann gab es die je? - ein Triebwerk verabschiedet.
Die neuen Generäle der neuen Friedenskriege lieben den Angriff aus der Luft. Bodentruppen sind langsam. Sie haben Zeit nachzudenken. Zuviel Zeit - für Angst; für Gefühle überhaupt. Mitleid etwa. Soldaten wird das Mit-Leiden zwar systematisch ab- und bedingungsloses Gehorchen antrainiert, aber noch sind sie glücklicherweise keine Maschinen. Zwar erzieht die heutige Gesellschaft junge Menschen eher zu einer schlecht und recht als "coolnes" getarnten Attitüde zynischer Menschenverachtung, zwar haben laut Daniel Cohn- Bendit (Herbst 2000) besonders junge Männer eher ein "natürliches Bedürfnis nach physischer Auseinandersetzung", als - möchte man da hinzufügen - zur Pflege solch altmodischer "weibischer" Werte wie Humanität, Mitgefühl und Solidarität, aber letztlich weiß Mann ja nie. Was in eine Richtung geprägt wird kann sich auch wieder verändern (lassen). Ein Leben lang. Etwa durch Eindrücke. Und qualmende Hausruinen, zerfetzte Leichen und wimmernde verstümmelte Menschen sind ziemlich starke Eindrücke. Vor allem haben sie nichts mehr gemein mit Computerspielanimationen und patriotischen Pearl-Harbour--Schmonzetten. Solche Bilder sind nackt, schlicht brutal und unentrinnbar "live".
Als ich im Oktober 1980 in Oberursel erstmals einen sterbenden Menschen im Arm hielt, eine junge Frau, mit der ich keine halbe Stunde zuvor noch an ihrem Messestand gesprochen hatte, brauchte ich fast einen ganzen Monat, um im Alltag wieder halbwegs normgerecht zu funktionieren. Das Erlebnis emotional zu verarbeiten dauerte Monate. Dabei kannte ich sie nicht einmal, hatte sie dort zum ersten Mal gesehen. Wie bei so vielen Menschen, denen man im Laufe dieses kleinen kurzen Lebens begegnet, ist auch keine Spur des Namens in meinem Gedächtnis geblieben.. Nur an das Gewicht dieses unkontrolliert zitternden schmalen Körpers, das plötzlich unendlich schwer wurde als ihr röchelndes Atmen von einer zur anderen Sekunde wie mit dem Messer abgeschnitten endete, daran erinnere ich mich noch heute. Ich sehe den zertrümmerten schwarzen Golf auf der linken Straßenseite vor mir und ihren links vorne und seitlich der ganzen Länge nach zerknittert eingedrückten Käfer. Aber das nahm ich erst viel später wahr.
Das und die rhythmisch bläulich aufglitzernden Scherben auf dem nassen Asphalt. Das gleichmäßige Tropfen der Kühlerflüssigkeit. Die routinemäßige Geschäftigkeit von Polizei und Feuerwehr. Da lag das Mädchen längst unter einer grauen Plastikplane auf dem Gehweg, rechts hinter ihrem Fahrzeugwrack. Ruhig, das Gesicht bis auf eine kurze dünne Blutspur an der rechten Stirnseite äußerlich unverletzt und - völlig entspannt. Ich glaube, sie hat den Aufprall gar nicht mehr bewußt mitbekommen. Wahrscheinlich galt ihr letzter Gedanke den Vorbereitungen, die sie zu Hause noch treffen mußte. Deshalb hatte sie kurz nach fünf vorzeitig die Messe verlassen. Es waren Vorbereitungen für eine Fete um acht. Ihre Geburtstagsfete.
Und an die Scham erinnerte ich mich. An dieses schreckliche, den Schock, die Lähmung jäh überflutende und alles ausfüllende Gefühl der Scham, als ihr Körper in meinem Arm jede Spannung verlor und so entsetzlich schwer wurde. Was hatten wir uns angemaßt, damals, zu Beginn der 70er Jahre als wir dachten über Leben und Tod entscheiden zu können?
Bis zu diesem dunklen naßkalten Oktobernachmittag glaubte ich immer noch, die Verfolgung einer gesellschaftlichen Idee oder besser: eines Freiheits- und Gerechtigkeitsideals, könne unter bestimmten Umständen die Tötung von Menschen rechtfertigen. Zwar war ich überzeugt, die Gründe dafür müßten sehr schwerwiegend sein und absolut unabdingbar für das anzustrebende Ziel, aber immerhin - ich hielt es für zulässig.
Die völlig unvorbereitete - ich war nach dem mörderischen Knall als erster zur Straße gehastet - persönliche Konfrontation mit dem Tod als unkontrollierbarer Macht, die ohne jede Vorwarnung "plötzlich und unerwartet" ein Leben auslöscht, wurde für mich zu einem der sprichwörtlichen Schlüsselerlebnisse. Nicht unmittelbar und bewußt, dafür aber umso wirkungsvoller. Mein Denken veränderte sich. Gründlich.
Als abstrakte Möglichkeit war mir der Tod nie fern gewesen. Im Gegenteil. An ihn zu denken war ein beruhigendes Halteseil. Ich verstand ihn als rettende Hintertür, durch die man sich jederzeit von der ungeliebten Lebensbühne davon machen konnte, wenn einem - und das war oft der Fall - der Überdruß bis Oberkante Unterlippe schwappte. Das alles ganz anders sein kann, daß der Tod auch ein verstörendes, die in jedem neuen Tag verborgenen Möglichkeiten und Chancen des aktiven Handelns ein für allemal beendendes Element ist, begriff ich zum ersten mal in Oberursel.
Seither ist der Tod mein ständiger Begleiter. Nicht als Freund, nicht als Feind, sondern als unberechenbare und doch ständig miteinzuplanende Lebensrealität. Nicht, daß ich von morgens bis abends pausenlos an ihn dächte. Und dennoch bin ich mir seiner vielleicht ferneren, vielleicht engeren Nähe stets bewußt. Das nimmt ihm das unheimlich Beängstigende. Es ent- fremdet ihn, verwandelt seine letztlich unbegreifliche Wirklichkeit ihn respektvolle Achtung. Und es lehrt (im doppelten Wortsinn) endlich zu leben. Lehrte mich, im Laufe der Zeit Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, nicht ständig nach Sicherheit zu suchen, die es ohnehin zu keiner Sekunde gibt - schon gar nicht hinter hochgeschichteten materiellen Mauern - sondern in jeder Minute meines Lebens ohne Wenn und Aber zu Sein. Ohne noch allzuviel Gedanken zu verschwenden auf die Frage was Eltern, Geschwister oder andere von einem denken mögen - von Begriffen wie "Karriere machen" völlig zu schweigen. Carpe diem - nutze den Tag.
Natürlich dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich lernte, mich selbst zu lieben und Dinge die mir Spaß machten unbeschwert zu genießen. Aber je besser mir dies gelang, desto deutlicher erkannte ich auch: Bis zum Tod dieses unbekannten jungen Mädchens hatte ich das Leben eigentlich für mehr oder weniger wertlos gehalten, mehr noch - gefürchtet.
Gibt es einen sinnlosen, gar einen sinnvollen Tod? Sofort will das Gehirn losschreien, überschlägt sich mit Worten wie "Holocaust", "Kriege", "Mord und Totschlag überhaupt" an "Krebs sterbende Vierjährige", "jäh von unserer Seite gerissene geliebte Menschen" und und, und, Beispiele, alles Beispiele für sinnloses Sterben. Für sinnvolles fallen einem merkwürdigerweise keine ein. Allenfalls nach gründlichem Nachdenken und dann sind es meist abstrakte konstruierte Situationen. Etwa der Pilot, der angeblich einen abstürzenden Militärjet noch über eine Siedlung hinwegziehen will und deshalb nicht rechtzeitig den Schleudersitz auslöst. Ein Heldenmärchen, nicht mehr. Wer nur ein wenig Ahnung vom Fliegen hat weiß, wie "Absturz" fachtechnisch zu definieren wäre. Es handelt sich um eine unkontrollierbare Fluglage. Kein Mensch steuert ein solches Fluggerät noch über irgend etwas hinweg, um das Leben anderer zu retten.
Sinnvoller, sinnloser Tod? Ich bin vorsichtig geworden. Darüber maße ich mir kein Urteil an. Allen Wissenschaften zum Trotz wissen wir wenig über die wirklichen Zusammenhänge und gar nichts über die shakespearschen "Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich Eure Schulweisheit nichts träumen läßt". Was den einen als sinnlos, grausam und ungerecht erscheinen mag, kann sich für jemand anders mit Sinn füllen. Sofort oder lange Zeit später. Oft sogar für jene, die ihr wütendes "Warum?" in die Welt schrien und auf Grabsteine meißeln ließen.
Nie wieder in den letzten 20 Jahren bin ich dem unverhüllten Tod so unmittelbar nahe gekommen, wie im Herbst 1980 auf jener Straße in Oberursel. Ich habe seine hinterlassenen Spuren gesehen, in vielen denkbaren Formen und bin seinen schuldigen und unschuldigen Opfern begegnet. Ich kenne das Bitten und Flehen um sein Kommen, das verzweifelte Wüten nach seinem Erscheinen, hörte Verwünschungen und Flüche, die Eltern tödlich verunglückter Kinder noch 24 Jahre später herausschluchzten und empfand mehr als einmal die tagelange lähmende betäubende Stille innen und außen, die er nach seinem Verschwinden hinterläßt. Aber gespürt, ihn in meinem Arm liegend gespürt habe ich ihn seither nie wieder. Es ist auch nicht nötig. Ich achte ihn und seine Macht und respektiere deshalb das Leben anderer. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Pazifist geworden, an jenem Nachmittag. Im Gegenteil, meine Überzeugung lautet heute mehr denn je: Es gibt eine ultima ratio des Todes. Die Betonung liegt auf "ultima". Wer sich in unmittelbarer Todesgefahr befindet, hat das Recht sich zu verteidigen. Ohne Wenn und Aber. Auch um den Preis des Angreiferlebens. Aber auch nur dann. Letzte Vernunft. Nicht: putativ(not)wehrende. Und niemals: "Angriff ist der beste Schutz".
All das habe ich in dem winzigen, für mich unmeßbaren Moment des abgeschnittenen Atems begriffen, jenem Augenblick, als der bewußtlose Körper des Mädchens die hauchdünne Grenze zwischen soeben-noch-und-schon-nicht-mehr passierte. Aber bewußt wurde mir das alles erst viel später. So wie die über Jahre im Verborgenen herangereifte Erkenntnis, daß eine männerbeherrschte Gesellschaft immer und ewig Kriege führen wird, solange sie existiert. Nichts wird sich daran je ändern. Nur der Krieg selbst, entsprechend dem neuesten technischen und (massen)psychologischen Forschungsstand. Statt "Krieg um Öl", Krieg für "humanitäre Menschenrechte". Wer will schließlich schon als inhuman gelten? Da schießen und bombardieren wir lieber. Vor allem bombardieren.
Die Kriege der Zukunft werden ausschließlich Luftkriege sein. Die Amerikaner beherrschen diese Kriegstechnik schon heute perfekt. Nur für die schmutzige Kleinarbeit vor Ort braucht man noch Menschen. Die dürfen dann auch ruhig ein wenig Angst haben. Es sind schließlich nicht die eigenen Soldaten, sondern Söldner. Es finden sich immer genügend Bereitwillige, die bereit sind, zu Sterben. Verzweifelte, Verführte, Verrückte. Mal nennen sie sich UCK-Kämpfer, mal Angehörige der Hamas, mal Tamile-Tigers. Für die einen sind sie Helden, für die anderen Terroristen. Und fast immer handelt es sich um Männer. Junge überwiegend. Männer sind immer viel zu schnell bereit, zu sterben. Man muß ihnen nur einen vermeintlich stichhaltigen "höheren" Grund dafür nennen. Vaterland. Ehre. Den sofortigen Eingangs ins Paradies an der Seite von 27 Jungfrauen. Die dringend notwendige Verteidigung der Menschenrechte (mögen die gleichen Regierungen auch souverän darüber hinwegschweigen, daß diese so hoch gehandelten Rechte gleichzeitig in "befreundeten" Ländern als Fußabstreifer benutzt werden). Die "Werte der westlichen Welt" (als wäre nicht schon allein dieser anmaßende Anspruch so unglaublich diktatorisch und menschenverachtend, daß er seinerseits genug Grund böte, ihn "märtyrerhaft" zu bekämpfen). Und natürlich - die Freiheit. Immer wieder die Freiheit.Was war es eigentlich bei uns gewesen, damals? Der "Vietnamkrieg". Der "US-Imperialismus" (dessen tatsächliche Gewalt wir uns zu keiner Zeit wirklich vorzustellen vermochten). Dieses Feindbild, das Jahrzehnte später mit der neoliberalen "Globalisierung" seine neuerliche Rechtfertigung erhalten sollte. Aber warum war ich dennoch nicht bereit gewesen zu töten und zu sterben?
Nein, ich hatte keine Zeit für Angst gehabt, an jenem weit, weit zurückliegenden kalten Februartag auf einer Feuerleiter in Zürich, als unter mir plötzlich ein Polizist mit gezogener Waffe auftauchte und auf mich anlegte. Ich gab nach, weil ein instinktiver Reflex dafür sorgte. Ich wollte Leben und nicht sterben, also öffnete ich die Hand und meine Pistole, eine spanische Llama, polterte "Klong, Kling, Kling, Klong, Dong" die Stufen der Feuerleiter hinab, bis sie auf der zweiten oder dritten Plattform liegenblieb. Ich war kein Held gewesen - und ich hatte es auch nie sein wollen.
Dumm gelaufen oder (K)eine Grabrede auf das deutsche Feuilleton (Februar 2004)
(c) Werner Schlegel
Unter www.perlentaucher.de, einer Adresse, die in der Regel als tägliche Schnellinfo über's gesamt- (also westdeutsche) Feuilleton durchaus empfehlenswert ist, jammerten sie neulich aus Anlass einer entsprechenden Tagung in Halle über den Zustand desselben. Und sie forderten die Perlentaucher-NutzerInnen zur Diskussionsteilnahme auf. Das war aber dann doch wohl nicht ganz so ernst gemeint. Denn einer, den sie veröffentlichten, konstatierte unter dem Strich (auf dem das deutsche Feuilleton sich immer häufiger meistbietend verkauft); eigentlich könne man gut auf selbiges verzichten. Propmt nahmen sie ihn schon nach einer guten Woche wieder aus dem Netz. Unsereins beteiligte sich mit nachfolgendem, als Essay des Monats nunmehr etwas überarbeitetem Beitrag ebenfalls. Mann wurde nicht einmal einer Email-Antwort für wert befunden. Nicht viel anders erging es einer Reihe weiterer kritischer Diskutanten, wohl nach dem Motto: Wir sägen uns doch nicht den Ast ab, nach dem wir täglich tauchen. Vielleicht aber war die ganze Diskussionsaufforderung auch nur ein guter Perlentaucher-Werbetrick, denn das Thema wurde ziemlich schnell und lautlos beerdigt, ohne dass auch nur ein weiterer Beitrag dazu publiziert worden wäre.
Irgendwie dumm gelaufen. Aber so ist das eben heutzutage: Anno 33 gab es eine gleichgeschaltete Presse, anno Basta! eine, die sich selbst gleichgeschaltet hat - und nicht zuletzt deshalb auf dem absaufenden Ast dahintreibt. Dabei leidet sie - um mit Springer unselig zu sprechen - "wie ein Hund" an dem Geist, den sie qua Meinungsbildungsmacht selbst mit herbeizitierte und den sie so schnell nun nicht wieder los wird: Am neoliberalen Mainstream, dessen Wahlspruch lautet: "Jeder ist sich selbst der Nächste". Ein wie auch immer geartetes Wertesystem kennt er nicht (es sei denn, man ist bereit, die allumfassenden Marktkoordinaten als neues Wertesystem zu akzeptieren).
Und genau hier liegt auch die Crux des Feuilletons: Wenn nur noch der merkantile Marktwert und sein im schlechtesten Sinne feuilletonistisches Pendant, das verbohlte und verpimmelte egomanische Ich, die Öffentlichkeit beherrschen sollen, ist die Frage nach einer wie auch immer gearteten geistigen Basis obsolet geworden. Und damit auch das bürgerliche Feuilleton. Wo keine Werte mehr zählen, existiert auch nichts mehr, das wert wäre, ausführlicher diskutiert zu werden. Nichts beweist dies deutlicher als die gegenwärtige politische Praxis, mit ihren nahezu schon täglich wechselnden Säuen, die durch's öffentliche Dorf gejagt werden - und für die sich kaum noch ein Mensch interessiert.
Dabei war das deutsche Feuilleton - man beachte die Vergangenheitsform - über Jahrzehnte weit mehr als die oft unterstellte Inzuchtanstalt großbürgerlicher Intellektueller. Es wurde gelesen, weil es sich häufig dem wirtschaftspolitischen Mainstream einer Zeitung verweigerte. Es setzte (andere) Akzente, leistete manchmal ganz praktisch Orientierungshilfe, errichtete gelegentlich sogar langwirkende Leuchtfeuer.
Gerade die FAZ bot dafür häufig ein Paradebeispiel. Viele meiner Bekannten lassen so gut wie nie den übrigen Teil - kannten sich jedoch bestens auf den Feuilletonseiten aus. Das änderte sich mit stetig zunehmender Beschleunigung. Verantwortlich speziell bei diesem Blatt war die vom ehemaligen FR-Literaturchefkritiker Wolfram Schütte konstatierte "Simulation intellektueller, räsonierender Öffentlichkeit". Irgendwann merkten selbst die nicht klugen Köpfe, dass FAZ-Feuilletondebatten á la Walser künstlich erzeugt waren und weit an ihren aktuellen Bedürfnissen und Interessen vorbeigingen. Das Strickmuster war zu ausschließlich marktorientiert. Die Quittung folgte auf dem Fuße, denn vom allumfassenden (Globalisierungs)Markt haben immer mehr Menschen die Nase gründlich voll. Menschsein bedeutet nun einmal mehr als nur Marktwesen sein. Und so wie die neoliberale (Globalisierungs)Politik immer öfter die Abstimmung mit den davonlaufenden Füßen erlebt, widerfährt dies eben auch den Zeitungen.
Ein weiteres Beispiel dafür ist die Frankfurter Rundschau (FR). Es war für mich ein Alarmsignal, als ein langjähriger Freund die Zeitung vor zwei Jahren abbestellte. Er hatte sie über ein Jahrzehnt lang abonniert und nannte zwei Gründe für seine Reaktion. Erstens: "Die Zeitung vertritt immer öfter neoliberale Standpunkte." Zweitens: "Im Feuilleton findet kaum noch ein gesellschaftspolitischer Diskurs statt".
Der Perlentaucher fasste die Hallenser Feuilletondebatte so zusammen: "Die Diskussion zwischen den Feuilletonchefs kreiste um die Frage, ob die Krise des Feuilletons eher mit einer Rückkehr zu den Rezensionen oder mit einem qualifizierten politischen und Debatten-Feuilleton zu bewältigen sei."
Auf Grund der selbst erlebten Beispiele scheint mir die Antwort doch recht eindeutig, wobei die Betonung auf "qualifiziert" liegen muss. Ein x-tes Nachplappern der herrschenden (Markt)Meinung wird den Niedergang nur weiter Beschleunigen.
Mir fällt gerade ein, wann ich aufhörte, Die Zeit zu lesen. Ich hatte sie nicht abonniert, kaufte sie jedoch einigermaßen regelmäßig. Bis diese merkwürdige - auch von W. Schütte erwähnte - Garde neogrünlicher Endreißiger-Redakteure dort Überhand nahm, für die der taz-Arbeitsplatz lediglich das erste Karrieresprungbrett bedeutete. Diese Laus und Widmanns und wie sie alle heißen. Die Rezensionen des einen könnten ebenso gut im Wirtschaftsteil der FAZ stehen, und die Feuilletonbeiträge des anderen spiegelten mehr Selbstverliebtheit als Sachinteresse. Fast gleichzeitig entwickelte sich der New (Life)Style der guten alten Tante Zeit. Er sollte uns offenbar suggerieren, weniger (Inhalt) durch breiteren Durchschuss und größere Schrift sei mehr - was aber leider nicht der Fall war. Ich hielt ihr trotzdem noch ein wenig die Treue, schon weil sie 1988 unter "Modernes Leben" erstmals meine Reportage "der rostige Tod von Flandern" publizierte, gerade noch rechtzeitig genug, bevor sie mir ein WDR-Redakteur im Sender unter der Hand als eigene ausgeben konnte. Und weil exakt diese Feuilletonseite der damalige Chef des ZDF-Auslandsjournal, Dr. Peter Berg, auf einem Flug nach Malaysia las, aus dem Blatt riss und mich nach der Rückkehr anrief, ob wir daraus nicht eine 45-minütige Fernsehreportage machen sollten - was dann auch geschah.
Auch das war deutsches Feuilleton also einmal: Eine Talentschmiede. Es brachte Leute zusammen, beförderte den öffentlichen Diskurs, kurz: war ein im besten Sinne gesellschaftspolitisches Muss. Heute ist es eine verkrustete Inzuchtanstalt, die sich - da hat W. Schütte Recht - als "Karussell der immergleichen Protagonisten" zu Tode wirbelt. Bei den im Freundeskreis wieder en vouge befindlichen Gemeinschaftskoch-Essabenden wird gelegentlich die Frage gestellt: Müsste man die (wahlweise anzukreuzen/d.A.) Feuilletons der letzten ZEIT-, FR-, FAZ-, Süddeutschen-Ausgaben gelesen haben? Die meistgehörte Antwort lautet: "Da hast du nichts versäumt!"
Was waren das noch für Zeiten, da nach Erteilung der ersten Drucklizenzen den Blattmachern die druckfrischen Ausgaben aus den Händen gerissen wurden. Aber damals wollte man auch kritische Leser und Bürgerinnen. Zumindest vorübergehend, für die nächsten etwa 20 bis 30 Jahre. Jetzt stehen deutsche Soldaten wieder am Horn von Afrika und am Hindukusch, die globalisierten Konzernherren plündern qua Steuernichtzahlung die Staatskassen, und der "mündige kritische Bürger" ist bei ihnen und ihren Polit-Vasallen so beliebt, wie der - im ökonomieanalytischen Sinne - immer mehr Recht bekommende Megaout-Opa Marx bei den Feuilletonredakteuren. Dazwischen verdummt das Volk, beziehungsweise wird verblödet und vernaddelt, mit den subjektiven Nichtwahrheiten der Dieters , Kübelboecks und anderer BILD-entsprungener Ghost- und Schlüssellochschreiber.
Wozu also brauchen wir überhaupt noch ein Feuilleton? "Ein bisschen schwanger", meine Damen und Herren in den Redaktionen, geht leider nicht. Nach- und Querdenken und stumpfsinniges Konsumieren schließen sich gegenseitig so ziemlich aus. Das heutige Feuilleton hat also genau die Gesellschaft, die es (sich) verdient(e), hätte Tucholsky vielleicht dazu gesagt.
Wer seinem Untergang nun nachtrauern wird?, fragte Daniele Dell'Agli, den einzigen Perlentauchernutzer, dessen Kritik sie kurzfristig publizierten. Dem Feuilleton, von dem ich hier schrieb, trauern schon viel zu viele nach. Vulgo: Das Feuilleton ist tot - es lebe das Feuilleton, was meint: Macht ein anderes, besseres, bevor wir endgültig keines mehr brauchen!
"J'accuse!" oder Plädoyer für einige Verschwörungstheoretiker
(c) Werner Schlegel
Vorbemerkung: Der nachfolgende Text wurde ab Ziffer II unter dem Titel "X ist U oder Verschwörungen gibt's nicht" im meiner Reihe "Provinznotizen" im September 2002 verfasst und kurz im Internet-Literaturprojekt "tagebau" des ww.berlinerzimmer.de erstveröffentlicht. Aus leider allzu gegebenem Anlass stelle ich ihn, leicht überarbeitet, um die neue Ziffer I und einen Epilog ergänzt, nun noch einmal unter der neuen Rubrik "Essay des Monats" auf meine Website.
I
"Verschwörungstheorethiker" ist das neueste Medien(er)schlagwort. Es gilt all jenen, die Zweifel an der US-regierungsamtlichen Version des 9.11.2001 äußern. Vorneweg dem ehemaligen Geheimdienstkoordinator Andreas vom Bülow und den Journalisten Mathias Bröckers (lange bei der taz) und Gerhard Wisnewski, (langjähriger freier Mitarbeiter des WDR-Fernsehens). Alle drei schrieben Bestseller, in denen sie aus verschiedenen Blickwinkeln die zahlreichen, ganz offensichtlichen Merkwürdigkeiten (siehe Ziff. VI) der Bushterrorkriegsstory sezierten. Bröckers und Wisnewski machten also exakt das, was die Aufgabe aller sein sollte, die den Beruf "Journalist" auch nur halbwegs ernst nehmen:
- Fragen stellen, statt sich mit vorgefertigten Statements abspeisen zu lassen.
- Kritische Fragen stellen, statt sich als Bauchredner und Verdunkelungsbeauftragte der Mächtigen zu gebärden.
- Hand an eiternde Wunden legen, statt PR-Meldungen von Interessenverbänden, Regierungsvertretern und sonstigen Sprachreglern minimal umzuschreiben und unters Volk zu bringen, wie es in diesem Lande tagtäglich tausendfach unter dem Deckmantel des Etiketts Journalismus geschieht.
Nun werden sie erschlagen. Nicht real, aber mit Worten. Von exakt jenen, deren Aufgabe es wäre, Verschwörungen aller Art aufzudecken. Von jenen, die vom Investigativ Journalism soweit entfernt sind wie der Papst vom Aidsschutzkondom. Wisnewski und Co. hielten ihnen den Spiegel vor. Das Bild, dass darin zu sehen war, gefiel offensichtlich nicht. Nun jault die Meute auf, angeführt vom Spiegel, der sich nicht zu schade ist, sein eigenes Versagen mit einer Totschlags(argumenten)Kampagne zu kaschieren. Augstein würde sich im Grabe wenden, wenn er sähe, wie so kurz nach seinem Tod Mitarbeiter des Blattes (auf das er - bei allen Mängeln - stets stolz wie auf ein Kind war), Zitate verfälschen und Aussagen zurechtbiegen (vgl. www.operation911.de), nur um der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Der Wahrheit im eigenen Spiegel, der so fremd geworden unter der Austschen Hand, und der Wahrheit im vorgehaltenen, sichtbar werdend durch die Recherchen von Bröckers, Wisnewski & Co.
Was ist eigentlich zu halten, von jenen, die lieber Kollegen diffamieren, statt notwendige Fragen zu stellen? Ja, wir wissen es: Der Spiegel und andere leben von Anzeigen einer Konzern-Industrie, die von den globalisierten Verhältnissen profitiert. Aber eine Frage hätten wir denn doch noch. Zumindest an den Spiegelchef Aust und Herrn Leyendecker von der Süddeutschen (letzterer arbeitete lange beim Spiegel). Eine einzige Frage: Wie hätten sie eigentlich reagiert, wenn Ihnen 1942 jemand etwas von der systematischen Judenvernichtung erzählt hätte? Einer Verschwörung, an der hunderte von Mitwissern in mehreren Ländern aktiv beteiligt waren - ohne dass davon allzuviel an die Öffentlichkeit drang. Wie hätten Sie wohl reagiert, die Herren Aust und Leyendecker? "Spinner!"? "Verschwörungstheoretiker!"? Oder wären Sie gleich zur Gestapo gegangen?
Verschwörungen? Gibt's nicht! Basta! Das scheint ihre geistige (Überlebens)Devise zu sein. Schauen wir uns doch noch einmal ein wenig um, in der Verschwörungswelt, so, wie ich es in den nachfolgenden Passagen bereits im September vergangenen Jahres tat.
II
Anno Domini 2001, das später als "Jahr des Terrors" in die Annalen eingehen wird: An irgendeinem Tag fährt im Wendland ein blauer Citroen CX ins sogenannte "Hannover-Lager" der Gorleben-Demonstranten. Voll beladen mit Werkzeug, das für diese und jene Störaktionen des Castortransports brauchbar scheint. Am Steuer des Fahrzeugs eine ehemalige Sprecherin des Hannoveraner AStA, gleichzeitig stadtbekannte und bekennende Aktivistin der ehemaligen Anti-Expobewegung. Unbehelligt passiert sie die starken Polizeikontrollen. Was für ein Glück...
Wie der Zufall des Lebens oder das zufällige Leben so spielt, widerfährt dem Lager kurz darauf eine Durchsuchung. Die Werkzeuge werden dabei gefunden - und natürlich beschlagnahmt. Als Beweis für angeblich geplante Gewaltaktionen. Was für ein Pech...
Schnitt, Szenenwechsel: Im April dieses Jahres outet sich die Anti-Expo- und Anti-AKW-Aktivistin gegenüber einer Freundin unter Tränen als langjährige hauptamtliche Mitarbeiterin des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Sie hatte die Aufgabe, die genannten Bewegungen auszuspionieren. Außer ihrem Vornamen stimmte nichts an der Legende, unter der sie in Hannover gelebt hatte.
Da das Leben im allgemeinen und im besonderen meist alles andere als zufällig verläuft, drängt sich eine Frage geradezu auf: Gab es zwischen der damaligen unkontrollierten Werkzeuglieferung und der kontrollierenden fündigen Durchsuchung einen Zusammenhang? In diesem äußerst naheliegenden Gedanken sieht der allzuoft auf die Obrigkeit hörende und ihr immer irgendwie auch ein wenig hörige SPIEGEL "eine große Portion Verschwörungstheorie".
III
"Verschwörung, gegen jmnd. gerichteter geheimer Plan, geheime Verbindung". (Wahrig, Gerhard. Deutsches Wörterbuch). "Verschwören, sich gegen jmdn. mit jmnd. verbinden" (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, München 1995, S. 1266). Der SPIEGEL irrt also. Keine VerschwörungsTHEORIE, sondern eindeutig VerschwörungsPRAXIS. Der geheime Plan, jemanden unter falschem Namen in existiernde Gruppen einzuschleusen, beruht auf der Verbindung von jemand mit jemand gegen jemand. Verschwörungstheorie und Verschwörungspraxis ist gelebter Alltag in Deutschland. Die in die NPD eingeschleusten V-Männer, die verdeckten Ermittler im Drogen- und sonstigem kriminellen Milieu, der von Arbeitgebern zur Entdeckung von krankfeiernden Schwarzarbeitern angeheuerte Privatdetektiv - sie alle gehen eine geheime Verbindung gegen jemanden ein. Tagtäglich, zu jeder Sekunde verbindet sich irgendwer mit irgendwem insgeheim gegen irgendjemand. Der Werbetexter mit seinem Auftraggeber gegen den Kunden, die Politiker mit ihren Wortstylisten und sprachregelnden Redenschreibern gegen die Wähler, der Aufsichtsrat gegen die Kleinaktionäre, der Versicherungsvertreter gegen den Ratsuchenden, der - eine Aufzählung der ständigen kleinen und großen Verschwörungen wäre endlos. Und so gut wie immer geht es dabei um eines: sich oder der eigenen Gruppe einen Vorteil zu verschaffen.
IV
Weshalb ist ausgerechnet die "Verschwörungstheorie" eines der am häufigsten gebrauchten Totschlagargumente in diesem unserem Lande? Dass all die Mythenverkäufer und medialen Gehirnwäscher, die uns stets aufs neue ein X für ein U vorzumachen versuchen, es gerne verwenden, mag nicht weiter verwundern. Sie krakelen "Verschwörungstheorie", wie der ertappte Dieb, der "Haltet ihn!" hinter einem völlig Unbeteiligten herruft. Als reines Ablenkungsmanöver. Um zu verschleiern, daß unsere Gesellschaft eine Schlangengrube der Verschwörungspraktiker ist. Aber das Totschlagargument hat Hochkonjunktur auch bei den meisten jener, die sich das X als U verkaufen lassen. Liegt es daran, daß sie sich und anderen nicht eingestehen wollen, tagtäglich irgendwelchen Verschwörungen zum Opfer zu fallen? Täten sie dies, müßten sie schließlich nicht nur Umdenken, sondern vor allem ihr Handeln verändern. Und das wäre so ziemlich das Schlimmste, was ihnen geschehen könnte: die bequeme Narrenbühne der vorgaukelten Gewissheiten zugunsten eines Aufbruchs ins unsichere Unbekannte verlassen zu müssen.
Oder ist die Pawlowsche Abwehrhaltung ("da ist kein X, da ist kein X, da ist kein X!") nur ein posttraumatisches Symptom? Spätfolge der gigantischsten Verschwörung in der deutschen Geschichte, die wiederum mit Hilfe einer gigantischen Verschwörungstheorie bewerkstelligt wurde (und die am Ende Täter wie Opfer gleichermaßen unter sich begrub)? Denn nichts anders als ein bis heute unübertroffenes Massenmordkomplott war es, was die braunen Diktatoren und ihre zahlreichen kleinen Handlanger gegen das Judentum anzettelten und ausführten. Legitimiert mit der Verschwörungstheorie vom Weltjudentum, das an allem Schuld sei: Niederlage im I. Weltkrieg, Massenarbeitslosigkeit, "Zinsknechtschaft", sind nur einige der Stichworte. Zieht der Michel im Bürger deshalb reflexartig die Schlafmütze tief über die Augen, beim bloßen Gedanken an Verschwörungen?
V
Die Geschichte der letzten Dezenien nordamerikanischer Außen- und Regierungspolitik ist ein Fundus für VerschwörungsPRAKTIKER. Kein VerschwörungsTHEORETIKER war je in der Lage, mit seinen Überlegungen die Perfidie der später ans Licht kommenden Wahrheit nur annähernd zu treffen. Weit über 80 Prozent der US-Bevölkerung waren gegen eine Beteiligung Amerikas am II. Weltkrieg. Nicht so Präsident Roosevelt und Teile seines Kabinetts. Am 7. Dezember 1941 griff Japan völlig überraschend die schutzlose Flotte in Pearl Harbor an. "Air Raid on Pearl Harbor" und - von wegen: "Geschichte wiederholt sich nicht!" - "America under Attack" lauteten die ersten Eilmeldungen der US-Medien. Der "heimtückische Angriff"- so die lange verbreitete Legende - forderte rund 3.500 Tote. Nach cem überraschenden Angriff war "nichts mehr wie zuvor".
Überraschend? Schon 1944 machte eine Armeeuntersuchung die Rooseveltregierung für das Desaster von Pearl Harbor verantwortlich. Aber es dauerte noch Jahrzehnte, bis der größte Teil der Wahrheit detailliert bekannt war. Die US-Regierung war frühzeitig über die Attacke informiert worden. Ab 27. Januar 1941 erhielt sie zahlreiche Hinweise, die sich von Sommer bis Herbst zu äußerst konkreten Informationen verdichteten. Zu den Quellen gehörten unter anderem die eigenen Militärattaches in Tokio und Mexiko, der britische Top Agent Dusko Popov alias "Tricycle" (der das FBI informierte), sowie zahlreiche abgefangene japanische Funksprüche, denn der US-Geheimdienst hatte die japanischen Codes längst geknackt. Aber Roosevelt ließ den Angriff geschehen, um eine US-Kriegsbeteiligung rechtfertigen zu können.
Schnitt, Szenenwechsel, eine neue US-Administration. Sie verschwor sich Anfang der 60er Jahre mit Exilkubanern und entwickelte mit ihnen einen geheimen Plan: Invasion auf Kuba, um Fidel Castro zu stürzen. Der im April 1961 verwirklichte Versuch endete allerdings in einem Fiasko. Daraufhin entwickelte der Vereinigte Generalstab in Washington einen weiteren Geheimplan. Codename: "Operation Northwood".
Diese Geheimstrategie setzte auf Terroranschläge gegen eigene Bürger, für die anschließend die kubanischen Regierung verantwortlich gemacht werden sollte. Zitat aus dem Planungspapier: "Die Listen der Todesopfer in den US-Zeitungen würden eine hilfreiche Welle nationaler Empörung auslösen." Es galt also, so ein weiteres Zitat, "die kubanische Regierung vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit so darzustellen, dass diese [. . .] als alarmierende und unkalkulierbare Bedrohung für den Frieden der westlichen Hemisphäre erscheint".
Die Kennedyregierung lehnte diese Verschwörung gegen die eigene Bevölkerung immerhin ab. Wohl aber gestattete sie der CIA Mordanschläge gegen Fidel Castro zu planen, sowie Aktionen, die dessen Regime destabilisieren könnten. Zu den umgesetzten Aktionen gehörte ein gescheiterter Versuch, Castro mit vergifteten Zigarren zu beseitigen.
Neue Regierung - altes Modell. Am 4.8.1964 meldeten die US-Nachrichtenagenturen einen Angriff nordvietnamesischer Kanonenboote auf zwei US-Zerstörer in internationalen Gewässern. Die Legende vom "Zwischenfall im Golf von Tonking" war geboren - und Lyndon B. Johnson befahl die "Operation Pierce Arrow" als "Vergeltungsschlag". Heute sind zwei Dinge bekannt: Mit dieser Operation begann der langjährige Vietnamkrieg und der Zwischenfall hat in der von den USA behaupteten Form nicht stattgefunden. Vielmehr waren die Zerstörer gezielt in nordvietnamesische Hoheitsgewässer eingedrungen, um einen Angriff zu provozieren.
"The times they are a'changing" (Bob Dylan), die Methoden bleiben. Im Jahr 1970 durfte der von den USA mit Millionenaufwand gegen den damaligen sozialistischen Kandidaten Salvador Allende an die Macht gebrachte chilenische Präsident Frei nicht mehr kandidieren. Allende galt nun als klarer Favorit. Ein offensichtliches Problem für die Wirtschaftsinteressen der US-Regierung. Das streng geheime "Komitee der 40", ein mit Top-Leuten aus Pentagon, CIA und Außenministerium besetzter "Thinktank" unter Leitung von Henry Kissinger, überlegte eine neuerliche massive Wahlintervention, kam jedoch zu dem Schluß, diese sei unter Umständen kontraproduktiv. Der US-Botschafter in Chile, Eduard Korb, empfahl statt dessen eine geheime CIA-Operation zur Vorbereitung eines präventiven Militärputsches. Kissinger damals wörtlich: "Ich kann nicht einsehen, warum wir daneben stehen und zuschauen sollten, wenn ein Land kommunistisch wird, bloß weil seine eigene Bevölkerung nicht in der Lage ist, verantwortlich zu handeln." Man beachte: Demokratie herrscht, wenn gewählt ist, was amerikanische Regierungen wünschen; Diktatur, wenn Völker eigenständige Wege einschlagen wollen.
Allende gewann die Wahl - den Rest erzählt ein CIA-Telegramm vom 16. Oktober 1970, das durch den "Freedom of Information Act" Jahre später publik wurde: "Es ist nach wie vor unsere feste Politik, Allende durch einen Staatsstreich zu stürzen. (...) Wir werden weiterhin ein Maximum an Druck erzeugen, um dieses Ziel zu erreichen, und jedes geeignete Mittel ergreifen. Diese Aktionen müssen unbedingt heimlich durchgeführt werden und es muß sichergestellt werden, daß die Rolle des USG und Amerikas im Verborgenen bleibt."
Mit massiver Unterstützung von CIA und US-Militärberatern putschte das chilenische Militär am 11. September 1973 gegen die Regierung Allendes. Am Vortag lieferte der US-Geheindienst an die von ihm mitorganisierten paramilitärischen rechten Todesschadrone eine Liste mit den Namen von 3.000 hochrangigen und 20.000 mittleren Führern verschiedenster chilenischer Organisationen. Dazu zählten unter anderem Gewerkschaften, Bauernkomitees, Bürgerinitiativen, alle linken Parteien, Studentengruppen und ähnliches. Ein großer Teil der namentlich erfaßten wurde - teils durch Masssenerschießungen und oft nach grauenhaften Folterungen - ermordet.
Machen wir einen Sprung in die nähere Vergangenheit, sonst würde die Liste endlos. Den Anlaß für das Eingreifen von USA und NATO im Kosovokrieg 1999 bot das sogenannte "Massaker von Racak". Serbische Soldaten hatten dort angeblich zahlreiche Zivilisten ermordet. Heute ist belegt, dieses Massaker fand nie statt. Die medial aufbereiteten Toten waren im Kampf gefallene Angehörige der UCK, die nachträglich in Zivilisten umfunktioniert wurden.
Nur noch am Rande sei letztlich erwähnt, daß seit 1991 kaum eine Woche verging, in der im Irak nicht britische und amerikanische Bombenangriffe erfolgten. Die Begründung, für die bis heute kein einziger Beweis erbracht wird, ist stets die gleiche: Man sei unter Beschuß geraten. Merkwürdig, daß bei all den vielen irakischen Angriffen nicht ein amerikanisches oder britisches Flugzeug auch nur einen Kratzer abbekam.
VI
"Verschwörungstheorie" heißt es, sobald kritische Fragen im Zusammenhang mit Nineeleven gestellt werden. Das ist praktisch und bequem und erspart das eigene Nach-Denken. Ein Nachdenken, das vielleicht zu schmerzhaften Erkenntnissen führen könnte, über die Welt, in der wir leben.
Man stelle sich vor: Eine Gruppe von - die Zahlen schwanken je nach Quelle - einigen hundert bis zigtausend Mann findet sich zusammen und errichtet ein weltumspannendes geheimes Netzwerk, mit dem Ziel, die USA zu bekämpfen. Sie bildet in ihren Lagern Mitglieder aus und schickt sie als sogenannte Schläfer in die Welt. Dort warten sie, bis irgendwann der Befehl zum Einsatz kommt. Der kommt allerdings selbst dann nicht, als später das Land, von dem aus sie operieren, in Grund und Boden gebombt wird. (In den 12 Monaten danach werden keine Amerikaner irgendwo ermordet, fährt kein entführter Tank- oder Chemikalienlastzug in Regierungsgebäude, stürzt nicht einmal eine gemietete und heimlich mit Sprengstoff beladene kleine Cessna irgendwo ab. Die Schläfer schlafen und warten - worauf auch immer).
Dafür hat eine andere Gruppe des weltumspannenden geheimen Netzwerks, mindestens 30 bis 40 Mann, etwa zwei Jahre zuvor begonnen, generalstabsmäßig die Entführung von vier Passagierflugzeugen zu planen. Mit dem Ziel, sie in Gebäude zu stürzen und sich dabei selbst umzubringen.
Was für eine gigantische Verschwörungstheorie! Und noch dazu eine miserable.
Monatelang nehmen Mitglieder der Truppe in dem Land, das sie angreifen wollen, Flugunterricht. Stets verkünden sie ihren Fluglehrern demonstrativ, keinerlei Interesse an Starts und Landungen zu haben. Geradeaus- und Kurvenfliegen wollen sie lernen, sonst nichts. Also das genaue Gegenteil von verschwörerischem, sprich konspirativem - nämlich unauffälligem Verhalten. Aber keinem Fluglehrer fällt dies je auf. Keiner meldet sich bei den Behörden und erklärt, "ich habe da arabisch aussehende Kunden, die zwar fliegen lernen wollen - aber ohne zu starten und zu landen". Und das, obwohl jeder Flugschüler von Haus aus den Behörden gemeldet wird. Nicht nur in Deutschland, sondern gerade in den USA.
Die angebliche Verschwörergruppe reist einzeln oder gemeinsam kreuz und quer durchs Land und erkundigt sich auffällig an verschiedenen Orten nach Giftsprühflugzeugen. Zwei ihrer Mitglieder wohnen gar monatelang mit einem V-Mann des FBI zusammen. Der - verliert niemals ein Sterbenswörtchen über seine Wohngenossen gegenüber seinem Auftraggeber.
Und all das sollen wir glauben? Diese von Unwahrscheinlichkeiten nur so wimmelnde Verschwörungstheorie für wahr halten?
Warum eigentlich? Schließlich ist sie kaum besser als manche der von Hollywood präsentierten. Und allemal schlechter als eine, die stattdessen erklärt: "Die Täter haben nur ein einziges Motiv gehabt, die US-Regierung und deren miltärisch-wirtschaftlicher Komplex hätten dagegen sehr viele". Die Attentäter sollen aus "abgrundtiefem Haß auf die USA" gehandelt haben. Aber warum haben sie dann nicht einfach die Flugzeuge auf vier Atomkraftwerke stürzen lassen? Vier explodierende AKWs - das wäre das Ende der US-Wirtschaftshegemonie gewesen! Der Super-GAU als größtmöglicher Schaden, der je den USA zugefügt hätte werden können. Was hat die Verschwörer daran gehindert? Wollten sie letztlich doch nur ein "bißchen" Morden? Hatten sie Skrupel, statt rund 3.000 die zehn- oder hundertfachefache Menge umzubringen? Und weshalb hatten sie diese?
Schon solch simple Fragen führen zwingend zu einer weiteren: Warum um alles in der Welt sollte die von der US-Regierung präsentierte Verschwörungstheorie glaubhafter (oder unglaubhafter) sein als jede andere?
Die amerikanische Wirtschaft steuerte - wie vor Pearl Harbor und dem Vietnamkrieg - schon vor den Anschlägen auf eine Krise zu. Manager von Großkonzernen fälschten skrupellos Bilanzen und betrogen Millionen von Pensionsfonds- und Rentenanlegern mit manipulierten Börsenkursen um ihre Alterssicherung. Weshalb sollten beispielsweise solche Führungscliquen Skrupel haben einen Krieg anzuzetteln? Wohl wissend, daß erstens jeder Krieg nach außen von den inneren Problemen ablenkt und zweitens ein gigantisches Investitionsprogramm beinhaltet. Vor allem, wenn am Ende die Erbeutung von Rohstoffen (sprich: das irakische, kaspische und saudische Öl) steht?
Welche Verschwörungstheorie ist wahrscheinlicher? Die von einem abgeschotteten, einzig vom Haß getriebenem, weltumspannenden Terrornetzwerk - oder die von einer kühl kalkulierenden Großmacht, die noch nie Skrupel zeigte, wenn es darum ging ihre Interessen durchzusetzen. Und die - wie ihre jüngere Geschichte beweist - alle technischen organisatorischen und geheimdienstlichen Möglichkeiten besitzt, Verschwörergruppen aufzubauen oder bestehende zu infiltrieren, zu finanzieren (Iran/Contra-Affäre), auszurüsten und zu steuern.
VII
Der im ersten Golfkrieg hochdekorierte Ex-Soldat Timothy McVeight, soll am 19. April 1995 einen um 9 Uhr 05 explodierenden Sprengstofftruck vor dem Alfred P. Murrah-Regierungsgebäude in Oklahoma City geparkt haben. Soll, da trotz McVeighs Verurteilung und Hinrichtung auch in diesem Fall mehr Fragen offen blieben als geklärt wurden. Etwa die, daß Zeugen unmittelbar nach dem Anschlag aussagten, sie hätten rund drei Stunden zuvor einen uniformierten und ausgerüsteten Bombentrupp der US-Armee auf dem Parkplatz beobachtet. Zeugen, von denen einige kurz darauf ihren Job quittierten und untertauchten, während die übrigen sich bis heute standhaft weigern, mit irgendjemand auch nur über das Thema zu reden. Oder die Glaubwürdigkeitsfrage der offiziellen Sprengstoffthese. Das FBI erklärte, der Truck sei mit 50 Säcken Ammoniumnitratdünger versehen gewesen. Kombiniert mit simplem Dieselöl läßt sich Ammoniumnitrat in der Tat als Sprengstoff verwenden. Vorausgesetzt es handelt sich um etwa 95- bis 99-prozentiges Nitrat. Dessen Sprengwirkung reicht jedoch eigentlich nicht aus, um die verheerenden Zerstörungen am Murrah-Gebäude zu erklären. Mehrere Sprengstoffexperten gingen denn auch beim Anblick der ersten TV-Bilder sofort von hochbrisantem militärischen Sprengstoff aus, der im Gebäude plaziert gewesen sei. Hinzukommt, daß der in den USA handelsübliche Dünger aus guten Gründen allenfalls 65- bis 70-prozentiges Ammoniumnitrat enthält.
Wie auch immer, drei Wochen vor seiner Hinrichtung erklärte Thimothy McVeigh in einem Brief seine angeblichen Beweggründe so: "Außerdem orientierte ich mich am Vorbild der US-amerikanischen Außenpolitik und beschloß, dieser Regierung, die sich zunehmend feindselig zeigte, eine Botschaft zu senden, indem ich ein staatliches Gebäude und die darin befindlichen Staatsbeamten, die die Regierung präsentieren, in die Luft sprengte. Die Bombardierung des Murrah-Gebäudes entspricht moralisch und strategisch der von den Vereinigten Staaten durchgeführten Zerstörung eines staatlichen Gebäudes in Serbien, im Irak oder in anderen Ländern."
VIII
"J'accuse!" - "Ich klagen an!", schleuderte im Januar 1898 Émilie Zola in einem Offenen Brief dem französchen Staatspräsidenten entgegen. Er klagte Justizorgane und rechtsnationalistische Medien - wie sich zeigte zu Recht - wegen einer antisemitischen Verschwörung an. Gerichtet gegen den jüdischen Hauptmann A. Dreyfuß, der zu Unrecht des Landesverrats bezichtigt und zu lebenslanger Deportation auf die Teufelsinsel verurteilt worden war. Zola, der in seinem Schreiben den "Fall Dreyfuß" als "Angelegenheit der persönlichen Moral, der republikanischen Religion und ihrer drei Tugenden Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit" deklarierte, löste damit eine breite öffentliche Debatte aus, die schließlich 1906 mit der Rehablitation von Dreyfuß endete. "J'accuse!" wurde so zum Prototyp des engagierten publizistischen Handelns.
Es ist höchste Zeit für ein neues "J'accuse!". Gerichtet gegen alle, die nach dem Motto "Verschwörungen gibt's nicht!" handeln. Die von "Verschwörungstheorien" schreiben und faseln, obwohl Vergangenheit und Gegenwart genügend Beweise für Verschwörungspraktiken liefern. Die im Falle Nineeleven lauter unbezweifelbare U's sehen, wo die fragwürdigen Xe sich längst zu Bergen türmen.
"J'accuse!" - gerichtet aber vor allem gegen eine US-Regierung, die einmal mehr den Sturz eines nicht genehmen Staatschefs als legitimes politisches Ziel deklarierte. Schlimmer noch: Die erstmals seit dem Ende des Vietnamdesasters wieder offen für einen völkerrechtswidrigen weil präventiven Angriffskrieg wirbt. Eine Regierung, der einmal mehr die Vereinten Nationen als williges Funktionswerkzeug dienen sollen - und wohl auch dienen werden. Ein neues "J'accuse!" ist überfällig. Ein "J'accuse!" das viele ausrufen, denn dieser geplante Angriff auf den Weltfrieden zum Zwecke des Zugriffs auf die nahöstlichen Ölreserven ist - eine reichlich niederträchtige Verschwörung.
Epilog
Mit diesem "J'accuse!" endete im September 2002 dieser Text. Heute muss er ergänzt werden:
"J'accuse!" - die amerikanische Regierung der Kriegsverbrechen durch die Bombardements der Zivilbevölkerung im Irak.
"J'accuse!" - die deutsche Regierung und die deutschen Massenmedien wegen ihres Schweigens gegenüber den amerikanischen Menschenrechtsverletzungen in Guantanamo Bay und an anderen, unbekannten Orten, wo angebliche Al-Qaida-Mitglieder ohne jeden Rechtsbeistand, ohne Haftbefehle, ohne öffentliche oder richterliche Kontrolle gefangengehalten und gefoltert werden. "J'accuse!" den Spiegel - der ein so erzwungenes Geständnis in seiner aktuellen Ausgabe zynisch als "Wahrheit" und Titelgeschichte verkauft, statt die Folterer anzuklagen!
"J'accuse!"
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