Fürst André Mikhaylovich Volkonsky war als Komponist und Cembalist eine Schlüsselfigur gleich zweier bedeutender Strömungen: der Nachkriegsavantgarde und der historischen Aufführungspraxis. Sein Leben und Werk waren von einer unablässigen Suche nach einem Ort künstlerischer und persönlicher Freiheit geprägt – einem »Paradies«, das er in verschiedenen Kontexten immer wieder zu finden hoffte.
Als Spross einer berühmten russischen Adelsfamilie im Exil wurde er 1933 in Genf geboren und wuchs in einem von kosmopolitischem Geist und musikalischer Avantgarde geprägten Umfeld auf. Er erhielt Klavierunterricht bei Dinu Lipatti; seine frühen Kompositionen fanden die Anerkennung keines Geringeren als Sergei Rachmaninov. Die Rückkehr der Familie in die Sowjetunion im Jahr 1947 war von der Hoffnung getragen, in der alten Heimat am Aufbau einer neuen, besseren Gesellschaft mitzuwirken – eine Hoffnung, die sich jedoch rasch als Trugbild erwies. Nach drei Jahren am Moskauer Konservatorium wurde Volkonsky wegen des Besitzes von Partituren Schönbergs und Stravinskys exmatrikuliert. Seine Auftritte wurden von Skandalen begleitet. Seine künstlerische Arbeit, von offizieller sowjetischer Seite als kulturelle Dissidenz betrachtet, führte schließlich zum faktischen Verbot seiner Werke.
Doch Volkonskys Wirken ging weit über seine Kompositionen hinaus. Als Cembalist wurde er zu einer der zentralen Figuren der Wiederentdeckung Alter Musik. Mit seinem 1965 gegründeten Ensemble Madrigal prägte er erstmals eine stilistisch bewusste Aufführungspraxis für Musik der Renaissance und des Barock – zu einer Zeit, als dieses Repertoire im offiziellen Kulturbetrieb kaum Beachtung fand. Seine Interpretationen öffneten sowjetischen Hörern ein Fenster in eine längst versunkene Klangwelt und wirkten wie ein stiller Akt kultureller Selbstbehauptung inmitten ideologischer Enge.
1973, nach Jahren des zermürbenden Kampfes mit dem System, durfte Volkonsky die Sowjetunion verlassen. Seine Ausreise war auch aus gesundheitlichen Gründen notwendig: Nach einem komplizierten Knochenbruch hatte sich sein Zustand wiederholt verschlechtert. Erst eine erfolgreiche Operation in einer Pariser Klinik brachte nach seiner Emigration eine entscheidende Besserung. Zunächst kehrte er in die Schweiz zurück, später lebte er in Frankreich, Italien und Deutschland. In Berlin war er zeitweise DAAD-Stipendiat, zudem verbrachte er einige Monate als Artist-in-Residence im Künstlerbahnhof Rolandseck bei Bonn.
Als Kurator der Beljaeff-Stiftung setzte er sich für die Veröffentlichung von Werken russischer Komponisten im Exil ein und unterstützte zahlreiche geflüchtete Kollegen auch unmittelbar finanziell. Seine Auftritte als Cembalist fanden große Beachtung, wobei sein Interpretationsstil als ausgesprochen unkonventionell bezeichnet wurde. 1981 gründete er das Ensemble für Alte Musik Hoc Opus. Für Generationen russischer Intellektueller blieb Volkonsky eine Ikone. Sein von Wayland Dobson nach historischen Vorbildern gefertigtes Cembalo schenkte er später der neu gegründeten Abteilung für Alte Musik am Moskauer Tchaikovsky-Konservatorium. Nach Beginn der Perestroika lehnte er jedoch sämtliche Einladungen zu einem Besuch in Russland ab. André Volkonsky starb im September 2008 in Aix-en-Provence.
Am 27. November 2026 widmet das Kölner Ensemble NeoBarock Volkonskys Leben und Werk einen Konzertabend, der anhand historischer Dokumente, seiner eigenen Kompositionen und ausgewählter Barockwerke ein facettenreiches Porträt des außergewöhnlichen Künstlers zeichnet. Die Schauspielerin Alexandra Lowygina, in Sankt Petersburg geboren und in Deutschland aufgewachsen, übernimmt die Rolle der Erzählerin.
»Vertrieben ins Paradies«
27. November 2026, 19:30 Uhr
Sancta Clara Keller (Am Römerturm 3, 50667 Köln)
Tickets: 20 € / 15 € (ermäßigt), an der Abendkasse sowie im Vorverkauf über KölnTicket:
https://www.koelnticket.de/artist/neobarock/